Objekt des Monats

Ab Oktober 2020 stellt unsere Bundesfreiwilligendienstleistende Veyda Kurz hier jeden Monat ein besonderes Objekt aus unserer Sammlung vor. Unter #ObjektdesMonats sind die Beiträge auch auf unseren Social Media Kanälen zu finden: auf InstagramFacebook und Twitter


Oktober 2020

Betrachtungssärglein

Museum Stadt Miltenberg, Glaubens Sache, Raum 17

Passend zum Monat Oktober und Halloween zeigen wir als unser erstes Objekt des Monats diesen „gruseligen“ Miniatur-Sarg. Es handelt sich um ein sogenanntes Betrachtungssärglein, in dem ein verwesendes und von Würmern zerfressenes menschliches Skelett liegt. Gefertigt wurde das Skelett aus Wachs und wurde mit Stroh und einem Stück Stoff in einen hölzernen Sarg gebettet. Hergestellt wurde es im 19. Jahrhundert in Südtirol.

Was auf den ersten Blick wie originelle Halloween-Dekoration aussieht, hatte in der Volksfrömmigkeit des 17. bis 19. Jahrhunderts eine tief religiöse Bedeutung. In dieser Zeit galt es, seine Religiosität auch außerhalb der Kirchenbesuche zu zeigen und für seine Mitmenschen sichtbar zu machen. Dem Betrachter sollte es die eigene Vergänglichkeit bewusst machen und ihn daran erinnern, sich im irdischen Leben auf das Leben im Jenseits vorzubereiten. Das Betrachtungssärglein sollte zum einen die christliche Vorstellung der Vergänglichkeit alles Irdischen und zum anderen den Memento-Mori-Gedanken (übersetzt „Gedenke des Todes“) symbolisieren, welches beides unter den breit gefächerten Begriff „Vanitas“ fällt.

Vanitas-Symbole wie unser Objekt des Monats sollen deutlich machen, dass der Mensch keine Gewalt über das Leben hat, und ihn zusätzlich ganz im Sinne des Memento-Mori an seine eigene Sterblichkeit erinnern. Das gottgewollte Vergehen war nach damaliger Auffassung allerdings nichts Negatives, denn nach dem Tod warte auf jeden Christen mit reinem Gewissen ein Leben an der Seite Gottes. Um aber dieses reine Gewissen beim letzten Gericht vor Gott zugesprochen zu bekommen, musste man sich bereits im Leben auf der Erde darauf vorbereiten. Dazu gehörte natürlich, sich an die Gebote der Bibel zu halten und Sünden zu vermeiden, aber auch gegebenenfalls Buße zu tun, wenn man sich einen Fehltritt erlaubt hatte. Spenden an die Kirche oder an wohltätige Organisationen konnten ebenfalls zu einem reineren Gewissen führen. An all dies sollte unser Objekt des Monats seinen Betrachter täglich erinnern und seine Handlungen positiv beeinflussen.

Die Jenseitsvorstellung der Christen hat sich im Laufe der Zeit natürlich verändert und sieht heute wesentlich anders aus, weshalb Gegenstände wie das Betrachtungssärglein kaum noch jemandem geläufig sind und Besucher eher mit einem fragenden Gesichtsausdruck zurücklassen können. Dennoch ist es erstaunlich, wie viel hinter einem kleinen Skelett mit Sarg steckt, das insgesamt kaum größer als ein Smartphone ist.

Betrachtungssärglein.jpg

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