Objekt des Monats

Ab Oktober 2020 stellt unsere Bundesfreiwilligendienstleistende Veyda Kurz hier jeden Monat ein besonderes Objekt aus unserer Sammlung vor. Unter #ObjektdesMonats sind die Beiträge auch auf unseren Social Media Kanälen zu finden: auf InstagramFacebook und Twitter


April 2021

Omer-Kalender, 1. Hälfte 19. Jh.

Museum Stadt Miltenberg, Glaubens Sache, Raum 13

Omer Kalender_HP.jpgFoto: Konrad Rainer

Anlässlich des deutsch-jüdischen Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ möchten wir mit unserem Objekt des Monats April, einem Omer-Kalender, einige jüdische Traditionen näherbringen. Ein Omer-Kalender dieser Art ist äußerst selten und daher wertvoll.

Der Kalender wurde aus Eichenholz und Papier gefertigt und stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Papierrolle wird auf zwei Walzen transportiert und kann mit Hilfe der Handhaben an der rechten Seite auf den richtigen Tag weitergedreht werden. Der hebräische Text nennt jeweils den Tag, die Woche und den Tag im Omer. Als Omer wird die Zeit zwischen Pessach (2021: 28. März bis 4. April) und Schawuot (2021: 17. Mai) bezeichnet.

Pessach wird zum Gedenken an den Auszug aus Ägypten, der Befreiung des Volkes Israels durch Gottes Hilfe gefeiert. Das Pessachfest wird häufig gründlich vorbereitet: In den 14 Tagen vor dem Sederabend steht ein gründlicher Hausputz an, bei dem auch Brot, Mehl, Nudeln und alle anderen Nahrungsmittel aus Getreide aus der Wohnung verbannt werden, denn an Pessach darf kein durchgesäuertes Getreide im Haus sein. Diese Tradition soll an die ungesäuerten Brote, sog. Mazzen, erinnern, die die Israeliten auf ihrer Flucht aus Ägypten mitnahmen.

Das eigentliche Fest beginnt mit dem Sederabend. Die Familie liest gemeinsam die Haggada, die Erzählung des Auszuges aus Ägypten, und die Kinder sollen viele Fragen stellen, um möglichst viel über die Anfangszeit ihrer Religion zu lernen. Danach wird gesungen und gebetet. Das Essen besteht an diesem Abend aus symbolischen Speisen, die alle in Verbindung stehen mit Ereignissen während der Sklaverei und der Flucht nach Kanaan. Am Vorabend des zweiten Tages von Pessach beginnt das Omer-Zählen mit dem Omer-Kalender.

Nach genau 50 Tagen (7 Wochen + 1 Tag) beginnt Schawuot („Wochenfest“). An Schawuot wird der Empfang der 10 Gebote am Berg Sinai gefeiert; aber auch die Ernte der ersten Früchte und Getreide aus Gottes Schöpfung (Erntedankfest). Viele Juden und Jüdinnen schmücken zu diesem Anlass ihre Häuser und die Synagogen mit Blumen. Das Fest beginnt am Abend bei Dämmerung mit einem Gottesdienst. Danach findet ein gemeinsames Festessen statt und es werden Texte aus der Tora und dem Talmud gelesen. Im Morgengottesdienst wird dann über den Empfang der Tora am Berg Sinai berichtet. Manche Juden und Jüdinnen essen am Schawuot Milchspeisen, Honig und Kuchen als Erinnerung an das Versprechen Gottes, dass in der neuen Heimat der Israeliten Milch und Honig flössen.


März 2021

Karl Weysser: Marktplatz in Miltenberg, Öl auf Leinwand, 1888

Museum Stadt Miltenberg, Galerie, Raum 22

Unser Objekt des Monats März 2021 ist dieses Gemälde vom Marktplatz in Miltenberg von Karl Weysser aus dem Jahr 1888. Die besondere Technik des Malers lässt bei Betrachten der fast schon magischen Idylle langersehnte Frühlingsgefühle nach dem harten Winter wach werden.

Der Künstler

Karl Weysser wurde am 07. September 1833 in Durlach geboren. Nach seinem Schulabschluss 1853 studierte er zunächst an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin Mathematik. Als Kind wohlhabender Eltern war er allerdings nicht auf einen Beruf angewiesen, der ihm den Lebensunterhalt finanziert, weshalb er zwei Jahre später in einem anderen Studium seiner Leidenschaft nachging. An der neueröffneten Großherzoglichen Badischen Kunstschule in Karlsruhe begann er 1855 sein Kunststudium und spezialisierte sich ziemlich schnell auf Architektur- und Landschaftsmalerei. Während seines Kunststudiums hielt er sich abwechselnd in Karlsruhe und München auf. 1865 schloss er sein Studium dann schließlich ab. Ab da hielt es ihn nie langfristig an einem Ort und er reiste viel durch Deutschland. Insgesamt unternahm er über 50 Studienreisen und besuchte dabei über 500 Städte und Dörfer. Gelegentlich hielt er sich auch in Heidelberg auf, von wo aus er unter anderem nach Miltenberg fuhr. 1895 ließ er sich mit seiner Frau dann endgültig in Heidelberg nieder. Am 28. März 1904 verstarb er dort.

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Weyssers Werke fallen in den malerisch-poetischen Realismus. Der Name der Strömung ist Programm. Dank seiner Ausbildung als Architektur- und Landschaftsmaler konnte er die Gebäude bis ins kleinste Detail genau abbilden, wobei ihm sicher auch sein Mathematikstudium zu Gute kam. Trotzdem wirken seine Bilder immer sehr harmonisch, strahlen eine fast schon magische Idylle aus. Durch gezielten Einsatz von Licht, Schatten und Farbe setzte er die Wirklichkeit feinfühlig in Szene, fast wie bei einem Bühnenspiel. Hier und da ersetze er manchmal unliebsame Gebäude, die nach seiner Auffassung das Bild zerstörten, durch stimmungsvolle Bäume oder Sträucher, wie auch bei unserem Objekt des Monats. Die ästhetische Überarbeitung der Wirklichkeit tut der Qualität seiner Bilder für die Arbeit von Historiker*innen und in der Denkmalpflege jedoch keinen Abbruch und sie wurden schon häufig als wichtige Zeugnisse hergenommen. Karl Weysser ist somit ein bedeutender Architekturmaler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einem ganz besonderen Stil.


Februar 2021

Augenspülglas aus der Miltenberger Stadtapotheke

Museum Stadt Miltenberg, Vom Alltag, Raum 23

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Medizinische Versorgung ist in Zeiten der Pandemie und auch sonst unverzichtbar. Neben den Krankenhäusern und Arztpraxen sind die Apotheken ein wichtiger Teil der medizinischen Versorgung und kaum wegzudenken. Unser Objekt des Monats Februar 2021 war zu seiner Zeit fester Bestandteil der Apotheken, aber dazu später mehr.

Die ersten öffentlichen Apotheken gab es vereinzelt erst ab dem 15. Jahrhundert. Davor wurde die Arbeit der Apotheken von Klosterapotheken durchgeführt, die das medizinische Wissen der Antike und der arabischen Völker bewahrt hatten. Die medizinische Betreuung im Sinne der Apotheken wurde bis ins 16. Jahrhundert hinein von Krämern, landfahrenden Händlern und heilkundlich tätigen Kräuterfrauen übernommen.

Die Arbeit der ersten Apotheker wurde am Anfang noch als Handwerk angesehen, was bedeutet, dass die Arzneien nach praktischen Kenntnissen und Erfahrungen hergestellt wurden. Im 16. Jahrhundert wurde das Handwerk dann offiziell aufgelöst und in den Städten Apotheken gegründet. Die Miltenberger Apotheke wurde erstmals 1514 erwähnt und war nach Mainz die zweite städtische Apotheke im Kurfürstentum Mainz. Das zeigt natürlich die Bedeutung Miltenbergs in dieser Zeit.

 

Mit den Apothekengründungen erließen die Städte auch erstmals Vorschriften für die Arbeit der Apotheker. Die Qualität der Arzneien sollte durch gesetzlich vorgeschriebene Herstellungsverfahren, Mindestvorratshaltung, amtlich festgelegte Preise und Verwendung bestimmter Arzneibücher gesichert werden.

Unser Objekt des Monats Februar 2021 stammt aus der Miltenberger Apotheke und ist ein sogenanntes Augenspülglas oder auch Augendusche oder Augenbadewanne. Es wurde hauptsächlich im 19. und 20. Jahrhundert verwendet. Die ovale Öffnung wurde ans Auge gedrückt und dann konnten Medikamente in flüssiger Form angewendet oder das Auge gereinigt werden. Dass die Augenspülgläser heute keine Anwendung mehr finden, hat wohl nicht nur etwas mit der hohen Keimbelastung zu tun. Die Vorstellung alleine verursacht bei den meisten Menschen vermutlich ein unangenehmes Gefühl. Das Augenspülglas ist aber lange nicht die einzige skurrile Erfindung der Medizin der letzten Jahrhunderte. Mehr dazu gibt es im Museum Stadt Miltenberg in der Dauerausstellung zu sehen.


Januar 2021

Miltenberger Marktplatz im Winter, Aquarell von Jakob Fischer-Rhein

Museum Stadt Miltenberg, Galerie, Raum 43

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Unser Objekt des Monats Januar ist ein winterliches Gemälde vom Miltenberger Marktplatz von Jakob Fischer-Rhein aus dem kalten Winter 1947. Er malte das Bild von seinem Atelier aus, von welchem er diesen fantastischen Blick auf den Marktplatz hatte. Das Kunstwerk zeigt seinen persönlichen und besonderen Stil und ist, wie wir finden, eines seiner schönsten Bilder.

 Werdegang von Jakob Fischer-Rhein

Jakob Fischer-Rhein wurde am 28. Januar 1888 in Düsseldorf geboren und wuchs dort auf. Er schon als Kind an Kunst interessiert, allerdings hielt sein Vater – als erfolgreicher Handwerker und Konstrukteur von Eisenbahnen – sehr wenig von den Interessen und Wünschen seines Sohnes. Der junge Jakob ließ sich davon allerdings nicht aufhalten und schickte heimlich Arbeitsproben an die Akademie in seiner Heimatstadt Düsseldorf. Ein Professor erkannte sein Talent und überzeugte den Vater, seinem Sohn die künstlerische Ausbildung zu erlauben. 1905, mit 17 Jahren, wurde Fischer-Rhein dann endlich in die Akademie aufgenommen.

Mithilfe von Stipendien kam er nach London, München und als Schnellzeichner in Varietés nach Amerika. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges heiratete er Johanna Burchartz. Er ging als Soldat an die Front und wurde innerhalb der ersten Tage verwundet. Nach einem Offizierslehrgang kehrte er an die Front zurück. 1915 kam er in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst fünf Jahre später entlassen wurde. Nach seiner Entlassung hielt es ihn nicht lange in Düsseldorf und er zog mit seiner Frau und seinem Sohn 1928 nach Amerika. Aufgrund des Börsencrash und der folgenden Wirtschaftskrise konnte er den anfänglichen Wohlstand nicht halten und die Familie verarmte. Sie kehrten zurück ins Deutsche Reich.

In dieser Not nahm Fischer-Rhein das Angebot Werner Peiners, eines von den Nationalsozialisten geförderten Künstlers, an und wurde sein Assistent. Jakob Fischer-Rhein hatte damit zwar ein gesichertes Einkommen und war später vom Kriegsdienst befreit, aber künstlerisch konnte er der Auftragsarbeit nichts abgewinnen. Auch durfte er seinen Aquarellstil nicht mehr ausleben, da dieser für die Nationalsozialisten die „französische Leichtigkeit“ verkörperte und unerwünscht war. Ausgleich fand er im Großstadtleben in Berlin und in seiner Nebentätigkeit als Pressezeichner. Er reiste auch während des Krieges häufig in die Alpen und entdeckte die Natur für sich.

 

Wahlheimat Miltenberg

Fischer-Rhein klein.jpgJakob Fischer-Rhein: Selbstporträt in französischer Gefangenschaft auf der Ile de Ré, 1915

Nachdem er seine Wohnung und sein Atelier in Berlin Ende 1943 nach einem Urlaub in den Alpen zerbombt vorfand, suchte die Familie Fischer-Rhein eine neue Heimat. In einem Kulturfilm über Franken hatten die Bilder von Miltenberg sie verzaubert und sie packten kurzer Hand ihre Sachen und zogen nach Miltenberg. Der Start in Miltenberg war schwierig, da in den Kriegsjahren das Interesse an der Malerei immer kleiner wurde. Auch nach dem Krieg verbesserte sich die Lage nicht. Jedoch gab es in Miltenberg Einige, die sich für seine Kunst interessierten und sich ihm und seiner Frau freundschaftlich zuwandten. Miltenbergs „romantische“, verwinkelte und vom Krieg weitestgehend unversehrte Altstadt und die damals noch völlig intakte Landschaft boten Fischer-Rhein eine Fülle von Motiven. Er beschloss, zu bleiben. Von 1946 bis 1950 unternahm er viele Fahrten, um seine Wahlheimat gründlich kennenzulernen.

In den nächsten 20 Jahre machte er viele große Reisen, denn Reisen waren der Motor seines künstlerischen Schaffens. Miltenberg entwickelte sich in dieser Zeit zu einem Fixpunkt und er kehrte immer wieder zurück. Er hatte endlich eine Heimat gefunden.

Es kam ihm nie in den Sinn, das Grauen der beiden Weltkriege festzuhalten. Er wollte immer die unversehrte und schöne Welt malen. Als in den 1960er und 70er Jahren der Wohlstand stieg, stieg auch die Nachfrage nach seinen Bildern. Aufgrund seines hohen Alters und fortgeschrittener Krankheiten konnte er seiner Arbeit aber kaum noch nachgehen. Er starb am 28. Oktober 1976, als Künstler fast unbeachtet, in Miltenberg mit 88 Jahren.


Dezember 2020

Modell-Eisenbahn (Schwebebahn)

Museum Stadt Miltenberg, Vom Alltag, Raum 30

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Passend zu Weihnachten (Geschenke!) haben wir als Objekt des Monats Dezember eine Modelleisenbahn aus unserer Spielzeugsammlung rausgesucht. Es handelt sich um ein Modell der Wuppertaler Schwebebahn aus den 60er Jahren. Das Modell besteht aus einem ellipsenförmigen Fahrweg auf Stützen aus grün-grau lackiertem Blech und zwei Triebwagen mit einem Hänger. Die Fahrzeuge sind beige, rot und schwarz lackiert. Angetrieben wird dieses Modell von einem Transformator, also elektrisch. Im Laufe der Zeit gab es viele verschiedene Antriebsformen für Modelleisenbahnen und nicht alle waren ungefährlich.

 

Ein  kurzer Blick in die Geschichte der Spielzeugeisenbahnen

Einfache Spielzeug-Eisenbahnen gab es schon, nachdem am 07.12.1835 die erste Lokomotive von Nürnberg nach Fürth fuhr. Am Anfang waren die Modelle nicht zum Spielen gedacht, sondern waren perfekt funktionierende miniaturisierte Dampflokomotiven. Sie wurden als Vorführmodelle in Schulen oder vor Kunden verwendet. Die ersten Spielbahnen waren aus Zinnblech hergestellte kleine Tischläufer oder größere Bodenläufer, die an einer Schnur gezogen wurden. Später stattete man Bodenläufer mit einem eigenen Antrieb wie Schwungrad, Uhrwerk oder Dampfmaschine aus, Schienen gab es dafür aber noch nicht. Die mit Dampf betriebenen Lokomotiven waren aufgrund der offenen Spiritusflamme aber sehr gefährlich und eigneten sich daher nicht als Spielzeug. Seit etwa 1850 wurden Federwerkantriebe für Uhren als Bewegungsmotoren für Spielzeuge eingesetzt und nach und nach kamen auch Schienen und Zubehör dazu. Diese Lokomotiven waren natürlich wesentlich ungefährlicher. Vor allem die frühen Modelle aber waren oft nicht leistungsfähig genug und konnten beispielsweise nicht ohne Schiebehilfe der Kinder eine Brückenauffahrt passieren. Das war auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung. Die nächste und letzte Antriebskraft für Lokomotiven wurde 1882 vorgestellt: die elektrisch betriebene Lokomotive. Ganz ungefährlich waren die elektrisch Betriebenen aber auch nicht, denn sie wurden entweder mit Nass-Akkumulatoren (Schwachstrom 4-6 Volt) oder direkt aus der Lichtleitung (Starkstrom 110-250 Volt) betrieben. Erst 1927 wurden Transformatoren mit 20 Volt eingeführt und so das Spielen sicherer.

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November 2020

Neorenaissance-Kachelofen

Museum Stadt Miltenberg, HausGeschichte(n), Raum 4

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Das Wetter ist bei uns im November ja bekanntlich grau, kalt und nass. Was könnte sich dann als Objekt des Monats besser anbieten als unser Neorenaissance-Kachelofen, denn wer würde es sich bei diesem Wetter nicht gerne vor einem warmen Ofen gemütlich machen?

Im sogenannten Kapitelsaal der Alten Amtskellerei (heute Museum Stadt Miltenberg) steht dieser Neorenaissance-Kachelofen. Ursprünglich stand er in der Villa des Großindustriellen Heinrich von Liebig in Frankfurt. Die Villa und ihre Einrichtung wurden im Stil des Historismus errichtet und 1896 fertiggestellt. Später stiftete Liebig das Haus der Stadt Frankfurt, die darin 1909 die städtische Galerie für alte Plastik eröffnete (das heutige Liebighaus) und in diesem Zuge Teile der Einrichtung verkaufte. Die Stadt Miltenberg erwarb 1918 dann genau diesen Kachelofen für das Pfarrhaus (die Alte Amtskellerei), das heute das Museum Stadt Miltenberg beherbergt. Der dort wohnende Pfarrer beklagte sich über das feuchte und ungesunde Klima in dem Haus und forderte den Einbau einer Heizung. Ein Aufbaufehler führte allerdings dazu, dass der Ofen funktionsunfähig war und Anfang der 1930er Jahre abgebaut wurde. Später wurde er wieder vollständig aufgebaut und restauriert und ist jetzt Teil unserer Dauerausstellung  - und muss zum Glück nicht betrieben werden!

Das besondere Aussehen verdankt der Kachelofen der Zeit, in der er entstanden ist. Der Historismus des späten 19. Jahrhunderts war davon geprägt, dass Architekten und Künstler auf die Stile vergangener Epochen zurückgriffen. In der Renaissance (16. bis 17. Jahrhundert) stand das Wiederaufleben der Antike im Vordergrund, weshalb auf den oberen Kacheln unseres Ofens antike mythologische Figuren zu sehen sind. Die Stadt Miltenberg erwarb den Kachelofen unter dem Namen „Majolika-Modellofen nach Original des 16. Jahrhunderts“. Majoliken sind mit zinnhaltiger Glasur farbig bemalte Keramiken.

Kurze Geschichte der Kachelöfen

Um das (ehemals) raue Klima Mitteleuropas ertragen zu können, waren Öfen schon lange Zeit eine bevorzugte Wärmequelle. Frühmittelalterliche Vorläufer des Kachelofens waren einfache Lehm- oder Steinöfen, in die einzelne becherförmige Kacheln eingelassen wurden, um eine Vergrößerung der Oberfläche zu schaffen und damit die Wärmeabstrahlung zu steigern. Kachelöfen mit glasierten und plastischen Kacheln entstanden wohl im 14. Jahrhundert und wurden nach und nach zum Objekt künstlerischer Gestaltung. Aufwendig verzierte Kachelöfen waren allerdings lange Zeit nur in den Häuser des Adels oder wohlhabender Bürger zu finden, die ältesten Exemplare stammen aus dem 15. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde die Technik auch so weiterentwickelt, dass verschiedene Glasuren auf einer Kachel kombiniert werden konnten. Das entwickelte sich in der Renaissance dann so weit, dass auf die immer größer werdenden Kacheln ganze Szenen oder Figuren gemalt werden konnten.

Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Ofen immer mehr als Teil der Einrichtung gesehen und man löste sich allmählich von dem bisher verbindlichen Aufbau der Kachelöfen: ein größerer beheizbarer Feuerkasten gekrönt von einem schmaleren turmartigen Aufbau. Stattdessen ermöglichten es neue Techniken, die Grundform des Kachelofens nahezu frei zu gestalten. Mit Hilfe eines Holzgerüsts, auf dem der Ofenbauer eine Tonschicht modellierte und diese dann vor dem Brennen in einzelne Stücke zerschnitt, konnten die unterschiedlichsten Formen entstehen. Im Barock entwickelte sich deshalb fast schon eine Lust der Täuschung: manche Öfen ahmten sogar Kommoden oder Schränke nach. Während im Klassizismus die Kachelöfen noch sehr herrschaftlich gestaltet waren, entwickelten sie sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eher in die Richtung der Schlichtheit. In einer normalbürgerlichen Wohnung waren jetzt einfache und sparsame Öfen mit nur ein paar bewusst platzierten Ornamenten oder Schmuckbändern als Verzierung die Regel. Im Zuge des Historismus als Einrichtungsstil hatten prachtvolle Neorenaissance und Neobarock Öfen ihren (bis jetzt) letzten Auftritt. Mit dem Aufkommen der Heizung ab etwa 1900 verloren Einzelöfen an Bedeutung. In den letzten Jahren allerdings erfreuen sich Öfen wieder mehr Popularität. Ganz wegzudenken sind sie ja nicht, denn irgendwie kreieren sie eine ganz andere Gemütlichkeit als die Zentralheizung.

Ofen MittelalterRekonstruktion eines Ofens mit Napfkacheln, 12./13. Jh., ausgestellt im Museum Stadt Miltenberg, Raum 10 (Walehusen).


Oktober 2020

Betrachtungssärglein

Museum Stadt Miltenberg, Glaubens Sache, Raum 17

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Passend zum Monat Oktober und Halloween zeigen wir als unser erstes Objekt des Monats diesen „gruseligen“ Miniatur-Sarg. Es handelt sich um ein sogenanntes Betrachtungssärglein, in dem ein verwesendes und von Würmern zerfressenes menschliches Skelett liegt. Gefertigt wurde das Skelett aus Wachs und wurde mit Stroh und einem Stück Stoff in einen hölzernen Sarg gebettet. Hergestellt wurde es im 19. Jahrhundert in Südtirol.

Was auf den ersten Blick wie originelle Halloween-Dekoration aussieht, hatte in der Volksfrömmigkeit des 17. bis 19. Jahrhunderts eine tief religiöse Bedeutung. In dieser Zeit galt es, seine Religiosität auch außerhalb der Kirchenbesuche zu zeigen und für seine Mitmenschen sichtbar zu machen. Dem Betrachter sollte es die eigene Vergänglichkeit bewusst machen und ihn daran erinnern, sich im irdischen Leben auf das Leben im Jenseits vorzubereiten. Das Betrachtungssärglein sollte zum einen die christliche Vorstellung der Vergänglichkeit alles Irdischen und zum anderen den Memento-Mori-Gedanken (übersetzt „Gedenke des Todes“) symbolisieren, welches beides unter den breit gefächerten Begriff „Vanitas“ fällt.

Vanitas-Symbole wie unser Objekt des Monats sollen deutlich machen, dass der Mensch keine Gewalt über das Leben hat, und ihn zusätzlich ganz im Sinne des Memento-Mori an seine eigene Sterblichkeit erinnern. Das gottgewollte Vergehen war nach damaliger Auffassung allerdings nichts Negatives, denn nach dem Tod warte auf jeden Christen mit reinem Gewissen ein Leben an der Seite Gottes. Um aber dieses reine Gewissen beim letzten Gericht vor Gott zugesprochen zu bekommen, musste man sich bereits im Leben auf der Erde darauf vorbereiten.

Dazu gehörte natürlich, sich an die Gebote der Bibel zu halten und Sünden zu vermeiden, aber auch gegebenenfalls Buße zu tun, wenn man sich einen Fehltritt erlaubt hatte. Spenden an die Kirche oder an wohltätige Organisationen konnten ebenfalls zu einem reineren Gewissen führen. An all dies sollte unser Objekt des Monats seinen Betrachter täglich erinnern und seine Handlungen positiv beeinflussen.

Die Jenseitsvorstellung der Christen hat sich im Laufe der Zeit natürlich verändert und sieht heute wesentlich anders aus, weshalb Gegenstände wie das Betrachtungssärglein kaum noch jemandem geläufig sind und Besucher eher mit einem fragenden Gesichtsausdruck zurücklassen können. Dennoch ist es erstaunlich, wie viel hinter einem kleinen Skelett mit Sarg steckt, das insgesamt kaum größer als ein Smartphone ist.


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