Objekt des Monats

Ab Oktober 2020 stellt unsere Bundesfreiwilligendienstleistende Veyda Kurz hier jeden Monat ein besonderes Objekt aus unserer Sammlung vor. Unter #ObjektdesMonats sind die Beiträge auch auf unseren Social Media Kanälen zu finden: auf InstagramFacebook und Twitter


November 2020

Neorenaissance-Kachelofen

Museum Stadt Miltenberg, HausGeschichte(n), Raum 4

Das Wetter ist bei uns im November ja bekanntlich grau, kalt und nass. Was könnte sich dann als Objekt des Monats besser anbieten als unser Neorenaissance-Kachelofen, denn wer würde es sich bei diesem Wetter nicht gerne vor einem warmen Ofen gemütlich machen?

Im sogenannten Kapitelsaal der Alten Amtskellerei (heute Museum Stadt Miltenberg) steht dieser Neorenaissance-Kachelofen. Ursprünglich stand er in der Villa des Großindustriellen Heinrich von Liebig in Frankfurt. Die Villa und ihre Einrichtung wurden im Stil des Historismus errichtet und 1896 fertiggestellt. Später stiftete Liebig das Haus der Stadt Frankfurt, die darin 1909 die städtische Galerie für alte Plastik eröffnete (das heutige Liebighaus) und in diesem Zuge Teile der Einrichtung verkaufte. Die Stadt Miltenberg erwarb 1918 dann genau diesen Kachelofen für das Pfarrhaus (die Alte Amtskellerei), das heute das Museum Stadt Miltenberg beherbergt. Der dort wohnende Pfarrer beklagte sich über das feuchte und ungesunde Klima in dem Haus und forderte den Einbau einer Heizung. Ein Aufbaufehler führte allerdings dazu, dass der Ofen funktionsunfähig war und Anfang der 1930er Jahre abgebaut wurde. Später wurde er wieder vollständig aufgebaut und restauriert und ist jetzt Teil unserer Dauerausstellung  - und muss zum Glück nicht betrieben werden!

Das besondere Aussehen verdankt der Kachelofen der Zeit, in der er entstanden ist. Der Historismus des späten 19. Jahrhunderts war davon geprägt, dass Architekten und Künstler auf die Stile vergangener Epochen zurückgriffen. In der Renaissance (16. bis 17. Jahrhundert) stand das Wiederaufleben der Antike im Vordergrund, weshalb auf den oberen Kacheln unseres Ofens antike mythologische Figuren zu sehen sind. Die Stadt Miltenberg erwarb den Kachelofen unter dem Namen „Majolika-Modellofen nach Original des 16. Jahrhunderts“. Majoliken sind mit zinnhaltiger Glasur farbig bemalte Keramiken.

 

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Ofen MittelalterRekonstruktion eines Ofens mit Napfkacheln, 12./13. Jh., ausgestellt im Museum Stadt Miltenberg, Raum 10 (Walehusen).

Kurze Geschichte der Kachelöfen

Um das (ehemals) raue Klima Mitteleuropas ertragen zu können, waren Öfen schon lange Zeit eine bevorzugte Wärmequelle. Frühmittelalterliche Vorläufer des Kachelofens waren einfache Lehm- oder Steinöfen, in die einzelne becherförmige Kacheln eingelassen wurden, um eine Vergrößerung der Oberfläche zu schaffen und damit die Wärmeabstrahlung zu steigern. Kachelöfen mit glasierten und plastischen Kacheln entstanden wohl im 14. Jahrhundert und wurden nach und nach zum Objekt künstlerischer Gestaltung. Aufwendig verzierte Kachelöfen waren allerdings lange Zeit nur in den Häuser des Adels oder wohlhabender Bürger zu finden, die ältesten Exemplare stammen aus dem 15. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde die Technik auch so weiterentwickelt, dass verschiedene Glasuren auf einer Kachel kombiniert werden konnten. Das entwickelte sich in der Renaissance dann so weit, dass auf die immer größer werdenden Kacheln ganze Szenen oder Figuren gemalt werden konnten.

Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Ofen immer mehr als Teil der Einrichtung gesehen und man löste sich allmählich von dem bisher verbindlichen Aufbau der Kachelöfen: ein größerer beheizbarer Feuerkasten gekrönt von einem schmaleren turmartigen Aufbau. Stattdessen ermöglichten es neue Techniken, die Grundform des Kachelofens nahezu frei zu gestalten. Mit Hilfe eines Holzgerüsts, auf dem der Ofenbauer eine Tonschicht modellierte und diese dann vor dem Brennen in einzelne Stücke zerschnitt, konnten die unterschiedlichsten Formen entstehen. Im Barock entwickelte sich deshalb fast schon eine Lust der Täuschung: manche Öfen ahmten sogar Kommoden oder Schränke nach. Während im Klassizismus die Kachelöfen noch sehr herrschaftlich gestaltet waren, entwickelten sie sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eher in die Richtung der Schlichtheit. In einer normalbürgerlichen Wohnung waren jetzt einfache und sparsame Öfen mit nur ein paar bewusst platzierten Ornamenten oder Schmuckbändern als Verzierung die Regel. Im Zuge des Historismus als Einrichtungsstil hatten prachtvolle Neorenaissance und Neobarock Öfen ihren (bis jetzt) letzten Auftritt. Mit dem Aufkommen der Heizung ab etwa 1900 verloren Einzelöfen an Bedeutung. In den letzten Jahren allerdings erfreuen sich Öfen wieder mehr Popularität. Ganz wegzudenken sind sie ja nicht, denn irgendwie kreieren sie eine ganz andere Gemütlichkeit als die Zentralheizung.


Oktober 2020

Betrachtungssärglein

Museum Stadt Miltenberg, Glaubens Sache, Raum 17

Passend zum Monat Oktober und Halloween zeigen wir als unser erstes Objekt des Monats diesen „gruseligen“ Miniatur-Sarg. Es handelt sich um ein sogenanntes Betrachtungssärglein, in dem ein verwesendes und von Würmern zerfressenes menschliches Skelett liegt. Gefertigt wurde das Skelett aus Wachs und wurde mit Stroh und einem Stück Stoff in einen hölzernen Sarg gebettet. Hergestellt wurde es im 19. Jahrhundert in Südtirol.

Was auf den ersten Blick wie originelle Halloween-Dekoration aussieht, hatte in der Volksfrömmigkeit des 17. bis 19. Jahrhunderts eine tief religiöse Bedeutung. In dieser Zeit galt es, seine Religiosität auch außerhalb der Kirchenbesuche zu zeigen und für seine Mitmenschen sichtbar zu machen. Dem Betrachter sollte es die eigene Vergänglichkeit bewusst machen und ihn daran erinnern, sich im irdischen Leben auf das Leben im Jenseits vorzubereiten. Das Betrachtungssärglein sollte zum einen die christliche Vorstellung der Vergänglichkeit alles Irdischen und zum anderen den Memento-Mori-Gedanken (übersetzt „Gedenke des Todes“) symbolisieren, welches beides unter den breit gefächerten Begriff „Vanitas“ fällt.

Vanitas-Symbole wie unser Objekt des Monats sollen deutlich machen, dass der Mensch keine Gewalt über das Leben hat, und ihn zusätzlich ganz im Sinne des Memento-Mori an seine eigene Sterblichkeit erinnern. Das gottgewollte Vergehen war nach damaliger Auffassung allerdings nichts Negatives, denn nach dem Tod warte auf jeden Christen mit reinem Gewissen ein Leben an der Seite Gottes. Um aber dieses reine Gewissen beim letzten Gericht vor Gott zugesprochen zu bekommen, musste man sich bereits im Leben auf der Erde darauf vorbereiten. Dazu gehörte natürlich, sich an die Gebote der Bibel zu halten und Sünden zu vermeiden, aber auch gegebenenfalls Buße zu tun, wenn man sich einen Fehltritt erlaubt hatte. Spenden an die Kirche oder an wohltätige Organisationen konnten ebenfalls zu einem reineren Gewissen führen. An all dies sollte unser Objekt des Monats seinen Betrachter täglich erinnern und seine Handlungen positiv beeinflussen.

Die Jenseitsvorstellung der Christen hat sich im Laufe der Zeit natürlich verändert und sieht heute wesentlich anders aus, weshalb Gegenstände wie das Betrachtungssärglein kaum noch jemandem geläufig sind und Besucher eher mit einem fragenden Gesichtsausdruck zurücklassen können. Dennoch ist es erstaunlich, wie viel hinter einem kleinen Skelett mit Sarg steckt, das insgesamt kaum größer als ein Smartphone ist.

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