Objekt des Monats

Auf dieser Seite stellt unsere Bundesfreiwilligendienstleistende Ronja Pitters jeden Monat ein besonderes Objekt aus unserer Sammlung vor. Unter #ObjektdesMonats sind die Beiträge auch auf unseren Social Media Kanälen zu finden: auf InstagramFacebook und Twitter


Januar 2022

Miltenberger Goldgulden, ca. 14. Jahrhundert

Museum Stadt Miltenberg, Raum 11

Unser erstes Objekt des Monats im Jahr 2022 ist ein Miltenberger Goldgulden aus dem 14. Jahrhundert. Neben diesem Exemplar sind nur zwei weitere bekannt. Eine Goldmünze befindet sich im Wiesbadener Museum, die andere in Privatbesitz. Auf der Schauseite ist eine heraldische Lilie mit der Umschrift „Miltenberg“ abgebildet. Die Rückseite zeigt neben dem Mainzer Wappen Johannes den Täufer mit Fellmantel und Kreuzstab. Die Prägung ist nach fachmännischem Urteil kunstlos und flüchtig ausgeführt. Außerdem liegt ein „Doppelschlag“ vor, ein Prägefehler, bei dem der Oberstempel mehr als einmal auf dem Rohling geschlagen wurde. Wenn der Rohling nun verrutscht, ist das Motiv der fertigen Münze verschoben.

Münzprägungen in Miltenberg

Unsere Goldmünze stammt aus der Regierungszeit des Erzbischofs Gerlach von Nassau. Ihm wurde 1354 von Kaiser Karl IV die Erlaubnis erteilt in Miltenberg Münzen prägen zu lassen. Dazu wird Henselein von Straßburg als erster Münzmeister der Stadt einberufen. Die Aufträge für verschiedene Prägungen sind in den Münzverträgen dokumentiert. Bis ins Jahr 1388 prägte die Miltenberger Münzstätte 23-karatige Goldgulden, Silberpfennige, Heller und Pfennige. In der darauffolgenden Zeit wurden ausschließlich Pfennige hergestellt. Der neue Landesherr Adolf von Nassau hob alle Münzstätten im Erzstift Mainz auf und führte die zentralisierte Münzprägung in Mainz ein.

Miltenberg als mittelalterliche Handelsstadt

Das Prägen von Münzen wurde nur ausgewählten Städten gewährt. Die Tatsache, dass Miltenberg einer dieser Orte war, zeigt wie bedeutend die Stadt im Mittelalter war. Der Grund für den wirtschaftlichen Erfolg Miltenbergs war eine vorteilhafte Verkehrslage. Zwei Welthandelsstraßen trafen auf den schiffbaren Main und machten Miltenberg zu einer der bedeutendsten Schnittpunkte von Straßen- und Wasserverkehr in Süddeutschland. Sowohl der Handelsweg von Südosteuropa als auch von Norditalien führten über Nürnberg und Frankfurt, durch Miltenberg und weiter über Köln in die Niederlande. Miltenberg besaß Mitte des 13. Jahrhunderts eigenes Maß und Gewicht und weitete so seine Position als wirtschaftliches Zentrum am südwestlichen Mainviereck aus. Die Mainzer Erzbischöfe erkannten das Potential ihrer Stadt und förderten sie mithilfe von Stiftungen und Privilegien. Neben dem Münzrecht 1354 erhielt Miltenberg einige Jahre darauf auch das Messe- und das Marktrecht. Das 14. Jahrhundert wird somit auch als Blütezeit der Stadt gesehen. Auch wenn Miltenberg heutzutage nicht mehr als wichtiger Verkehrsknotenpunkt gilt, erzählen verbliebene Gebäude wie das Alte Rathaus und unsere Goldmünze von den wirtschaftlichen Erfolgen der Kreisstadt. 


Dezember 2o21

Lebensmittelmodel, Holz, ca. 17. Jahrhundert

Museum Stadt Miltenberg, Raum 21

Weihnachtszeit ist Lebkuchenzeit! Egal ob mit Schokoladen-, Zuckerglasur oder als Lebkuchenhaus: der gewürzte Honigkuchen kommt immer gut an. Aus diesem Grund befassen wir uns in diesem Dezember mit den Ursprüngen der Lebkuchenherstellung. Essentiell dafür waren Lebensmittelmodel, in denen der Teig gebacken und somit geformt wurde. Unser Objekt des Monats ist deshalb ein Lebensmittelmodel aus Holz aus dem 17. Jahrhundert.

Verbreitung in Deutschland – von Klöstern in die Bäckereien
Vorgänger des Lebkuchens stammen aus dem Mittelmeerraum und Vorderen Orient. In Deutschland verbreitete sich das Honigbrot schließlich über die Klöster. Diese waren im Mittelalter Träger der abendländischen Kultur und überlieferten neben geistigen auch genussvolle Bereiche des Lebens wie die Lebküchnerei. Die ersten Lebkuchen trugen den Beinamen „Pfefferkuchen“. Grund dafür waren die vielen exotischen Gewürze, die man unter dem Sammelbegriff „Pfeffer“ zusammenfasste.

 Ab dem 14. Jahrhundert lösten mittelalterliche Städte die Klöster ab und die weltlich-bürgerliche Herstellung von Lebkuchen begann. Besonders verbreitet war das Handwerk der Lebküchnerei bei Land- und Gastwirten, die es meist als Nebenerwerb ausführten und teilweise nur während der Saison, etwa sechs bis zehn Wochen vor Weihnachten. Die Nachfrage nach Modeln war groß, da nur wenige Zuckerbäcker mit der Modelherstellung vertraut waren. Besonders begabte Modelstecher reisten von Stadt zu Stadt, wo sie für verschiedene Bäcker und Lebküchner arbeiteten. Sie fertigten sehr detaillierte und fein ausgearbeitete Holzmodel an, meist aus Obst-, Nuss- oder Lindenholz.

Mehr als nur Lebkuchenformen
Abgesehen von Lebkuchen fanden die Model auch Verwendung in der Herstellung von Marzipanfiguren und Springerle. Letztere werden auch als „Anisbrötli“ bezeichnet, weil sie aus einem Anis-Eierschaum bestehen. Der Name des Gebäcks geht wohl auf die ersten Motive der Springerle zurück, nämlich Reiterfiguren. Eine andere Erklärung ist, dass der Teig im Ofen geradezu aus der Form „herausspringt“, da er so stark aufgeht. Die fertigen Springerle wurden mit Pflanzenfarben verziert.

Ebenso wie Lebkuchen dienten Springerle bis ins 19. Jahrhundert als Christbaumschmuck und Weihnachtsgeschenk. Weitere Anlässe waren kirchliche und familiäre Feste, etwa eine Geburt, Taufe oder Hochzeit. Dementsprechend vielseitig war auch die Auswahl der Motive. Neben Szenen aus dem Alten und Neuen Testament wurden auch weltliche Motive wie Handwerkerszenen oder Liebespaare abgebildet. Buchstaben, Blumen und Tiere gewannen ebenfalls an Popularität.

Verschiedene Epochen prägten die Modelgestaltung ebenso. Ende des 18. Jahrhunderts zur Biedermeierzeit waren die Motive überwiegend der häuslichen Idylle gewidmet. Währenddessen ging es im Barock um Prunk und Selbstinszenierung, so auch bei unserem Objekt des Monats. Zu sehen ist das Motiv einer reichbekleideten Dame mit Fächer und Kopfschmuck. Unter reichen Familien galt es bei Feierlichkeiten die Gäste mit besonders reich geschmücktem Gebäck zu beeindrucken.


November 2021

Adolf Ernst von Zschock: Zigarrenabschneider, Eisen, um 1900

Museum Stadt Miltenberg, Raum 43

Am 29. November feiern wir den 144. Geburtstag von Adolf Ernst von Zschock, der sich 1931 in Miltenberg niederließ und für den Rest seines Lebens dort wirkte. Neben der Malerei besaß von Zschock verschiedenste Interessen, wie beispielsweise die Archäologie, die Schauspielkunst, das Puppentheater, aber auch eben das Kunsthandwerk sowie die Kunstschlosserei.

Aus diesem Grund handelt es sich bei unserem neuesten Objekt des Monats um von Zschocks Zigarrenabschneider in Form eines Raben. Dieser befindet sich in dem vom Künstler entworfenen Esszimmer im Jugendstil. Neben der gusseisernen Vogelform befinden sich in diesem Raum zwei Buffetschränke, deren Beschläge von Zschock selbst anfertigte. Die beiden Armlehnstühle stammen aus der Worpsweder Werkstätte, einem Tischlereibetrieb geführt von dem Jugendstil-Künstler Heinrich Vogeler und seinem Bruder Franz.

Jugend und Beginn der Kariere in den Künsten

Am 29. November 1877 wurde Adolf Ernst von Zschock in Schlettstadt im Elsass geboren. Schon in jungen Jahren entdeckte er seine Leidenschaft für die Kunst und malte sein erstes, uns bekanntes Bild bereits im Alter von 16 Jahren. Zu dieser Zeit besuchte von Zschock eine schlesische Kadettenschule. Um seinen Wunsch, Kunsthandwerker zu werden, in Erfüllung zu bringen, begann er mit 18 Jahren ein Studium an der Kunstschule Straßburg.

Im Jahr 1900 sah von Zschock sich aufgrund von finanziellen Problemen zum Abbruch seines Studiums gezwungen und begann eine Karriere als Kunstschlosser in seiner eigenen Werkstatt. Obwohl diese einen guten Ruf erhielt und auch eine gewisse Berühmtheit erreichte, beschloss von Zschock einer neuen Beschäftigung nachzugehen. Seine Unentschlossenheit und sein vielfältiges Interesse prägten sein Berufsleben maßgeblich.

Abwechslungsreiches Berufsleben

„Unmöglich wäre es für mich gewesen, mich zu spezialisieren. Die Bindung an eine einzige Tätigkeit mag zwar zu materiellem Erfolg führen, für mich hätte sie Stillstand bedeutet. Es trieb mich zu immer neuen, wechselvollen Arbeiten, denn nicht die Beschäftigung stand im Vordergrund meines Wollens, vielmehr die Sehnsucht, die Licht- und Schattenseiten menschlichen Lebens zu durchforschen.“ – Adolf Ernst von Zschock

So arbeitete der gelernte Kunstschlosser im Zeitraum von 1911 – 1913 als Assistent von Professor Jaeckel bei einer Ausgrabung von Dinosaurierskeltetten in Halberstadt und entwickelte dabei ein eigenes Konservierungsmittel zur Erhaltung der Knochen, das er später patentierte. Zudem ging er für kurze Zeit einer Stelle als Präparator im Frankfurter Senckenberg Museum nach, trat als Schauspieler auf, arbeitete als Grafiker und reiste durch die Schweiz, Österreich und Italien.

Leben in Miltenberg

Zusammen mit seiner Ehefrau Liesel Horcher, die ihre Tochter Irmgard mit in die Ehe brachte, zog Adolf E. von Zschock im Jahr 1931 in die Untere Walldürner Straße in Miltenberg. Ab 1938 war der Künstler aufgrund von schwerem Gelenkrheumatismus und einer Gichterkrankung an den Rollstuhl gebunden und abhängig von der Unterstützung seiner Familie, wovon der sonst so rastlose und vielseitig interessierte von Zschock stark beeinträchtigt wurde. Weiterhin entstanden viele Porträts, Bilder von Miltenberg, Landschaftsbilder vom Untermain. 1948 begann er die Arbeit einem Zyklus, der noch ganz unter dem Eindruck des Krieges entstand. Dieser besteht aus drei Teilen „Licht und Schatten“, Dämonie“, „Des Teufels Bilderbuch“ und wurde nach seiner Vollendung 1951 im Steinernen Haus in Frankfurt ausgestellt.

Am 31. Januar 1955 starb Adolf Ernst von Zschock im Alter von 71 Jahren in Miltenberg.


Oktober 2021

Modell des DRG. Kettenschiffs Nr. I – „Mainkuh“

Museum Stadt Miltenberg, Raum 38

Zu sehen ist Heck und Kette eines modellierten Kettenschiffs.

Wer kennt sie noch, die legendären „Mainkühe“? Und nein, damit sind keine in der Nähe vom Main grasenden Weidetiere gemeint. Mainkuh oder auch fränkisch „Mainkee“, war der Spitzname für Kettenschleppschiffe, die besonders im 19. Jahrhundert ein wichtiger Bestandteil des Sachguttransports waren. Unser Objekt des Monats Oktober 2021 ist deshalb das Modell eines dieser Schiffe und befindet sich zusammen mit einem Lastschiff-Modell in der Fischerei- und Schifffahrtsabteilung unserer Dauerausstellung im Museum. Es handelt sich um eine modellhafte Darstellung der DRG. KS. Nr. I, eine Kurzform für Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft Kettenschiff Nummer eins. Das typischerweise eiserne Kettenboot hatte eine kastenförmige Form und das hölzerne Oberdeck war in der Mitte buckelartig erhöht.

Namensherkunft

Den Namen Mainkuh erhielten die Kettenschiffe aufgrund ihres lauten und häufigen Signaltons. Angewiesen auf die Kette, mussten sie andere Wasserfahrzeuge zum Ausweichen aufrufen und an Engstellen auf ihre Präsenz aufmerksam machen. Zudem kündigten sich Schiffer auf diese Weise weit vor ihren Heimatorten an, um mithilfe kleinerer Booten, sogenannten Zachen, mit Proviant versorgt zu werden. 

Funktionsweise der Kettenschiffe

Essentiell für die Fortbewegung der Kettenschiffe ist eine lose am Flussgrund liegende Kette. Besonders dabei ist, dass sie nur an zwei Punkten fest verankert ist, nämlich an Anfang und Ende der zurückzulegenden Strecke. Im Main war dies in Mainz und in Bamberg. Die Eisenkette wird von den Booten über den Bug aufgenommen und über die gesamte Länge des Schiffs am Heck zurück ins Wasser geleitet. Die Weiterleitung der Ketten wird von einer Dampfmaschine betrieben. Auf diese Weise konnten Kettenschleppschiffe bis zu sieben Lastschiffe ziehen.

Geschichte der Kettenschifffahrt – Aufschwung und Rückgang

Ihren Ursprung findet die Kettenschifffahrt Anfang des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Dort verwendete zum Beispiel der Franzose Édouard de Rigny 1825 erstmals eine im Fluss verlegte Kette zum Schleppen von Schiffen auf der Seine. Mit der Zeit verbreitete sich die Kettenschifffahrt in ganz Europa und gelangte 1850 auch an den Main. Grund für die immer größer werdende Nachfrage nach Kettenbooten waren ihre zahlreichen Vorzüge gegenüber ihrer Konkurrenz, den Raddampfern. Diesen waren sie in Aspekten der Schleppkraft und Geschwindigkeit deutlich überlegen und benötigten zudem weniger Personal.

Ein weiterer Vorteil gegenüber den herkömmlichen Raddampfern war zudem der geringe Tiefgang der Kettenboote. Auf diese Weise konnten sie den Main, der zu dieser Zeit noch eine Tiefe von knapp einem Meter hatte, mit Leichtigkeit passieren.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines Schleppzugs, der den Main bei Miltenberg passiert

Parallel mit der Ausbreitung der Kettenschifffahrt schritt der Ausbau der europäischen Wasserstraßen voran. Flüsse wurden zunehmend vertieft und mit Staustufen versehen. Dies wirkte sich negativ auf den Betrieb von Kettenbooten aus, deren Ketten nun einen größeren Weg zurücklegen mussten und somit an Zugkraft verloren. Zudem entstanden hohe Investitionskosten für den nötigen Umbau von Brücken und kreuzenden Fähren. Auch der Bau von Schiffen und Erneuerungen der Kette waren sehr kostenintensiv. Mit der Einführung verbesserter Rad- und Turbinendampfern in den 1880/90er Jahren und dem Ausbau der Eisenbahn verlor die Kettenschifffahrt zunehmend an Bedeutung. Im Jahr 1935 wurde die bayerische Kettenschifffahrt schließlich eingestellt. Nur wenige Jahre später wurde die Kette, die zur Fortbewegung der Schiffe benötigt wurde, aus dem Main entfernt, allerdings nicht vor der endgültigen Abschiedsfahrt der „Mainkuh“ von Aschaffenburg nach Bamberg.


September 2021

Rudolf Hirth du Frênes: Mädchen mit Hut, Öl auf Leinwand, vermutlich München, 1870

Museum Stadt Miltenberg, Galerie, Raum 28

Neuer Monat – neues Objekt! Dieses Mal wird das Bild eines weiteren Miltenberger Künstlers vorgestellt, der sich jedoch erst in seinen letzten Lebensjahren hier niederließ. Trotzdem übte er auch in Miltenberg weiterhin den Künstlerberuf aus und wird daher aktiv von den Museen Miltenberg gesammelt und ausgestellt.

Rudolf Hirth du Frênes

Hirth du Frênes wurde am 24. Juli 1846 in Grafentonna bei Gotha geboren. Sein Vater Georg Hirth war Notar und hatte neben Rudolf mit seiner Frau Louise Drevelle du Frênes noch zwei weitere Söhne, Friedrich und Georg. Rudolf nahm zu seinem Nachnamen „Hirth“ im Laufe der Jahre noch zusätzlich einen Teil des Nachnamens seiner Mutter, „du Frênes“ an. Hirth du Frênes, der zu seinen Lebzeiten hauptsächlich in München wirkte und dort dem bekannten Leibl-Kreis angehörte, wird in diesen Kreisen als „einer der Besten neben unseren Besten“ und „als einer der bedeutendsten älteren Maler aus dem Leibl-Kreis“ bezeichnet und zählt zu den wichtigsten deutschen Malern des Münchner Realismus im 19. Jahrhundert. Des Weiteren wurden vor allem seine Werke, die in den 1870er-Jahren entstanden sind, als von höchster malerischer Qualität angesehen. Besonders geschätzt wurde seine Arbeit als Bildnis- und Genremaler, aber auch seine Kinderstücke sowie stimmungskräftige Bilder mit Motiven von der Nordsee sind bemerkenswert.

 

Zu sehen ist das Poträt eines Mädchens mit Hut Rudolf Hirth du Frênes. Das Ölgemälde entstand 1870 vermutlich in München.

Künstlerischer Werdegang

1861 gelangte Hirth du Frênes im Alter von 15 Jahren erstmals an die Kunstakademie in Nürnberg, wo er unter dem Künstler August von Kreling studierte. Nach vier Jahren wechselte er von dort auf die Akademie der Bildenden Künste in München und lernte unter Arthur Georg Ramberg weiter. Hier konnte er wichtige Kontakte mit bekannten Künstlern knüpfen, welche dort unterrichteten, oder sich mit seinen Kunst-Kommilitonen austauschen. Einer der Mitstudierenden, die er dort kennenlernte, war Wilhelm Leibl, mit dem er fortan in engem Kontakt stand. 1866 gründete Hirth mit seinen vier Künstlerfreunden Theodor Alt, Johann Sperl, Fritz Schider und Wilhelm Leibl ein eigenes Atelier in München, wodurch sich weitere Verknüpfungen in die Münchner Kunstszene ergaben. Aus dieser Gruppe entwickelte sich des Weiteren auch der später so benannte Leibl-Kreis. Ziel dieser Vereinigung waren „genaue Naturbeobachtungen, authentische malerische Empfindungen des Gegenstandes und die handwerklich perfekte Übersetzung ins Bild“, wodurch ganz im Sinne des Münchner Realismus ein „reinmalerisches Werk“ entstehen sollte.

Um sich weiterzubilden unternahm Hirth du Frênes ab ungefähr 1880 eine fünfjährige Studienreise nach Holland, Belgien und Frankreich, wo er viele wichtige Kunststätten aufsuchte. Nach seiner Rückkehr zog er zunächst wieder nach München, wechselte aber kurz darauf seinen Wohnsitz und zog in eine ländlichere Gegend, nach Dießen am Ammersee. Hier stand er jedoch auch weiterhin in engem Kontakt zu den anderen Mitgliedern des Leibl-Kreises, wodurch seine Arbeiten maßgeblich positiv beeinflusst wurden. Nachdem sich im Jahr 1876 der Leibl-Kreis auflöste, aus dem Hirth du Frênes viel seiner künstlerischen Inspiration zog, schien dadurch auch die Qualität seiner neueren Werke zu sinken, da er nie wieder an seine älteren Erfolge anknüpfen konnte. Des Weiteren konzentrierte er sich von da an fast ausschließlich auf die Porträtmalerei. Seine Arbeit führte er zunächst auch in Miltenberg weiter aus, wohin er 1910 mit seiner Frau zog. Von der Gischt geplagt musste Hirth du Frênes die Malerei jedoch aufhören und saß während seiner letzten Lebensjahre im Rollstuhl. Am 1. Mai 1916 starb er im Alter von 69 Jahren in Miltenberg. Zu seinen besten künstlerischen Leistungen zählen unter anderem die Bilder „Hopfenlese“, „Porträt Schuchs“, „Selbstbildnis“, „Sperl und Leibl im Segelboot“ und „Allerseelentag“.

Mädchen mit Hut

Rudolf Hirth du Frênes Werk „Mädchen mit Hut“ wurde, obwohl es jetzt hier im Miltenberger Museum hängt, bereits vor der Zeit gemalt, in der Hirth du Frênes seinen Wohnort in Miltenberg hatte. Auf dem Bild zu sehen ist das Porträt eines jungen Mädchens oder einer Frau vor dunklem Hintergrund. Wer dieses Mädchen ist und ob es sie wirklich gab, ist unbekannt. Sie trägt ein bräunlich-graues Gewand, welches ein wenig mit dem Hintergrund zu verschwimmen scheint und einen schwarzen Hut auf ihrem Kopf. Darunter lugt leicht ihr blondes, nach hinten zusammengestecktes Haar heraus und sie schaut mit einem freundlichen, vielleicht auch neugierigen Blick und leicht geröteten Wangen den Betrachtenden an. Auffällig an dem Bild ist, dass vor allem die Augen des Mädchens detailgetreu gemalt sind und dadurch sehr echt wirken, was durch die roten Wangen und die genaue Darstellung des Gesichts verstärkt wird. Insgesamt ist das Gemälde in dunklen Schwarz- und Brauntönen gehalten, die in starkem Kontrast zu der blassen Haut des dargestellten Mädchens stehen. Das Bild strahlt dadurch eine gewisse Leichtigkeit, Unbeschwertheit und auch Jugendhaftigkeit aus, die trotz der eher dunkleren Farbgebung des Bildes zum Vorschein treten.


August 2021

Chanukka-Leuchter, 1831, Messing, Hersteller: Franz Weigert, Miltenberg

Leihgabe des Museums für Franken
Museum Stadt Miltenberg, Glaubens Sache, Raum 13

Chanukka-Leuchter aus Messing

Anlässlich des Jubiläums „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ möchten wir unseren „neuen“ Chanukka Leuchter als Objekt des Monats August vorstellen. Er ist eine Leihgabe des Museums für Franken und seit Juli 2021 Teil unserer Dauerausstellung. Der Leuchter ist stark verformt, einige der Leuchterarme fehlen. 

Der Chanukka Leuchter hat schon sehr viele Stationen hinter sich und ist nun endlich wieder in Miltenberg angekommen.

Die erste Station des Leuchters war die alte Synagoge in Miltenberg. Sie wurde um 1290 erbaut und blieb auch als solche in Benutzung bis zur Ausweisung der jüdischen Bevölkerung im Jahr 1420 durch den Mainzer Erzbischof Conrad Ⅲ. Das Gebäude wurde als „Judenschul“ verkauft und für verschiedene Zwecke benutzt. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde wieder so erstarkt, dass sie ihre alte Synagoge zurückkaufen konnte. Für diese neue alte Synagoge wurde der Chanukka Leuchter gespendet. Durch die auf dem Sockel befindlichen Inschriften auf Hebräisch wissen wir von wem und wann: „Diese Menora wurde gegeben von der Brüderschaft junger Männer im Jahr 592“ (entspricht den Jahren 1831/1832), „Verfertigt von Franz Weigert Gurtler in Miltenberg“. Die Namen der Spender und Gemeindemitglieder stehen ebenfalls auf dem Sockel.

Circa 100 Jahre nach dem Rückkauf wurde die erste Synagoge für die Gemeinde allerdings zu klein für die schnell gewachsene Gemeinde. Im Jahr 1877 wurde das Gebäude an den Bierbrauer Friedolin Busch verkauft, der das Gebäude an einigen Stellen umbaute und eine Zwischendecke einzog. Bis 2010 wurde das Gebäude von der Kaltloch-Brauerei als Gärkeller und Lager genutzt.

Im Jahr 1851 hatte die jüdische Gemeinde ein Haus in der heutigen Riesengasse erworben und errichtete dort getrennte Betsäle für Frauen und Männer, einen Schulraum und eine Lehrerwohnung. Allerdings war dort für eine Mikwe (jüdisches Ritualbad) weder Platz noch gab es die richtigen Voraussetzungen. Deshalb ist anzunehmen, dass die zweite Synagoge nur eine provisorische Lösung war. Der Chanukka Leuchter ist natürlich mit in die zweite Synagoge umgezogen.

1889 wurde ein Synagogen- und Schulhausbauverein gegründet. So wollte man den finanziellen Grundstein für eine neue Synagoge legen. Der geeignete Bauplatz wurde in der Mainstraße gefunden, nicht weit von der katholischen Kirche entfernt. 1903 wurde mit dem Bau begonnen und die Synagoge am 26. August 1904 eingeweiht. Die Zeitungen lobten das neue Bauwerk als „herrliches Gotteshaus“ und alle Bewohner Miltenbergs empfanden es als städtebauliche Bereicherung für die Mainstraße. Der Neubau besaß einen zweigeschossigen Betsaal mit Frauenempore, ein Gemeinschaftsschulzimmer, eine Lehrerwohnung und eine Mikwe vor. Die Synagoge hatte eine große Kuppel und wurde im orientalischen Stil erbaut. Interessant ist, dass die Synagoge von dem gleichen Architekten gebaut wurde wie die evangelische Kirche. Auch in die dritte Synagoge ist der Leuchter umgezogen; ebenso wie der Toragiebel, der sich ebenfalls in der Dauerausstellung im Museum Stadt Miltenberg befindet.

Eine Generation später wurde in der Reichspogromnacht am 9. und 10. November 1938 die Synagoge geschändet und die Inneneinrichtung größtenteils zerstört und teilweise nach Würzburg in das heutige Museum für Franken (damals Luitpoldmuseum) gebracht. Darunter befand sich auch der Leuchter. Die Schäden am Leuchter stammen allerdings aus der Nacht des 16. März 1945, in der Würzburg bombardiert wurde. Die Kisten mit den jüdischen Ritualgegenständen gerieten in Vergessenheit. Erst 2016 wurden sie im Depot des Museums aufgefunden und geöffnet. Viele der Gegenstände konnten durch detektivische Forschungsarbeit mit Hilfe des Jüdischen Museums München identifiziert werden.

Zur Neuaufstellung der jüdischen Abteilung im Museum Stadt Miltenberg kam der Leuchter nun vor ein paar Wochen als Leihgabe nach Miltenberg zurück und befindet sich nun fast wieder an seinem ursprünglichen Standort - weniger als 50 Meter von der alten und neuen Synagoge entfernt.


Juli 2021

Philipp Wirth: Damenporträt, Öl auf Leinwand, 1830er Jahre

Museum Stadt Miltenberg, Galerie, Raum 44

Diesen Monat möchten wir einen Künstler hervorheben, der für Miltenberg definitiv einer der wichtigsten Maler ist. Diesen Monat hätte er am 7. Juli seinen 213. Geburtstag gefeiert und wir möchten ihm hiermit zumindest ein bisschen von der Anerkennung geben, die ihm Zeit seines Lebens gefehlt hat. Er mag zwar nicht einer der bekanntesten Künstler des 19. Jahrhunderts sein, aber zu den wichtigen Malern des 19. Jahrhunderts gehört er auf jeden Fall. Bekannt ist er vor allem für seine Portraits.

Philipp Wirth

Auch unser Objekt des Monats ist eines seiner Porträts. Es ist zwar nicht bekannt, um wen es sich handelt, aber anhand der Kleidung und des Schmucks lässt sich erahnen, wie wohlhabend die Dame gewesen sein muss. Zeitlich kann man das Porträt anhand der Kleidung in die Biedermeierzeit einordnen: der schulterfreie Schnitt des Kleides und der darüber gelegte, zusätzliche Kragen sind typisch für die Mode dieser Zeit. Damit könnte das Bild auch in seine Zeit als erfolgreicher Porträtist in Miltenberg, Wertheim, Aschaffenburg und Würzburg fallen.

Ein Miltenberger Maler

Ganz so erfolgreich war sein Leben als Künstler allerdings nicht immer. Philipp Wirth ist vermutlich wie kein anderer Künstler Miltenbergs mit seiner Heimat verbunden. Er wurde als drittes Kind von Maria Anna und Michael Joseph Wirth am 7. Juli 1808 hier in Miltenberg geboren. Insgesamt hatte Philipp vier Brüder und eine Schwester, sein jüngster Bruder und seine Schwester starben aber bereits im Kindesalter. Auch seine Mutter starb als er noch ein Kind war. Der Vater Michael Joseph Wirth war gelernter Hutmacher, wurde aber 1808 zum Ratsschultheißen von Miltenberg, also sozusagen zum Bürgermeister, gewählt. Durch seine Tätigkeiten für die Gemeinde kam er mit dem Stadtrat Philipp Joseph Bischoff in Kontakt, der gleichzeitig der größte Geldgeber bzw. Wohltäter der Stadt war. Ihm bzw. seinem Fonds hatte Philipp Wirth seine Ausbildung zu verdanken. Sein Vater wurde nach dem Tod Bischoffs Verwalter des sehr großen Vermögens der Bischoffs und errichte den Bischoffs-Fonds zusammen mit der Schwester Bischoffs im Sinne seines alten Freundes.

Damenporträt, Öl auf Leinwand, des Künstlers Philipp Wirth aus den 1930er Jahren

Ausbildung

Die erste Station der Ausbildung Philipp Wirths fand quasi „um die Ecke“ bei Carl Gottlieb Horstig statt, der seit 1808 auf der Mildenburg lebte. Dieser wollte eigentlich eine Zeichenschule eröffnen, was jedoch nie realisiert wurde. Trotzdem wurde er Philipp Wirths Mentor und brachte ihm die Grundlagen bei. Wirth stellte sich sehr gut an und sein Vater schickte ihn 1822 zur Ausbildung zu Sebastian Hesselbach nach Würzburg. Wie schon erwähnt, wurde die Ausbildung Philipp Wirths über ein zinsloses Darlehen aus dem Bischoffs-Fonds bezahlt. Später musste er zumindest einen Teil davon zurückzahlen. Das war vermutlich ein Vorbote für die zwei Jahre später stattfindende Hochzeit zwischen seinem Vater Michael Joseph Wirth und Maria Anna Bischoff, der Witwe Philipp Joseph Bischoffs. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, von denen nur der Ältere, Anton, überlebte. Philipp Wirth hatte also jetzt einen 18 Jahre jüngeren Halbbruder.

Leben und Werk

Nach seiner Ausbildung in Würzburg ging Philipp Wirth 1827 nach München an die Kunstakademie und von 1829 bis 1834 an die Wiener Kunstakademie. Am Ende seiner Ausbildung reiste er für einige Monate nach England. Danach ließ er sich wieder in Miltenberg nieder und arbeitete in Miltenberg, Wertheim, Aschaffenburg und Würzburg als Porträtist und das ziemlich erfolgreich. Dieser Erfolg ging mit seiner Reise nach Paris 1848 zu Ende und kam auch nie wieder auf. Es ist nicht klar, was ihm dort passiert ist, aber er kam nach wenigen Monaten krank und deprimiert zurück. Er zog zurück zu seinem Vater, der 1832 die alte Amtskellerei (unser heutiges Museum Stadt Miltenberg) gekauft hatte. Vor ihm war schon sein Bruder Franz ebenfalls wieder zum Vater gezogen. Die beiden eröffneten 1849 gemeinsam das erste Fotostudio Miltenbergs. Michael Joseph Wirth war sehr interessiert an der neuen Tätigkeit seiner Söhne und hatte die Kamera und die Chemikalien, zum Entwickeln der Fotos, extra aus Wien kommen lassen. Philipp Wirth erhoffte sich von der „neuen Kunst“ endlich wieder wirtschaftliche Sicherheit. Allerdings hielt das Geschäft nur 2 Jahre, was vermutlich am fehlenden Geschäftssinn der beiden Brüder und Philipps psychische Verfassung lag. Er konnte sich schon länger nicht mehr wirklich auf eine Sache konzentrieren. Auch künstlerisch nicht, weshalb er keine Ölbilder wie früher anfertigte, sondern nur noch mit Kreide und Pastell weniger aufwendige Bilder malte.

1864 starb Michael Joseph Wirth mit 89 Jahre und das Haus ging an den Halbbruder Anton über. Er war seit einigen Jahren auch Verwalter des Bischoffs-Fonds. Das Verhältnis zwischen Anton und seinen circa 20 Jahre älteren Halbbrüdern Philipp und Franz war sicher nicht einfach. Die beiden zogen schließlich zusammen in eine kleine Wohnung nach Kleinheubach.

Im Alter kam Franz als Würzburger Bürger in Würzburg im Bürgerspital unter. So war Philipp zunächst alleine in der Wohnung, bis er in das Miltenberger Spital umsiedeln konnte. Die Kosten dafür trug der Bischoffs-Fonds. Aus der Familie kümmerte sich sein Neffe, der ebenfalls Philipp Wirth hieß, um ihn und um die Beantragung des Geldes. Im Spital starb Philipp Wirth am 18. Dezember 1878 im Alter von 70 Jahren als Künstler und Person völlig unbeachtet.

Wiederentdeckung

Erst rund 50 Jahre später entdeckte Karl Lilienfeld in einem Münchner Kunsthandel vier Bilder von Philipp Wirth. Als renommierter Kunstsachverständiger, Galerist und Kunsthändler erkannte er das Talent Philipp Wirths und stellte die Bilder aus. Lilienfeld beschrieb Philipp Wirth als „vergessenen deutschen Meisterporträtist“. Heute besitzt unser Museum eine umfangreiche Sammlung an Arbeiten von ihm und Philipp Wirth ist damit fester Bestandteil unserer Dauerausstellung im Museum Stadt Miltenberg.


Juni 2021

Relieffragment einer Minerva, um 200 n. Chr.

Museum Stadt Miltenberg, Römerzeit, Raum 7

Relieffragment einer Minerva, um 200 n. Chr.

Unser Objekt des Monats ist dieses Minerva-Relief und obwohl die obere Ecke abgebrochen ist, kann man eindeutig sagen, dass es sich um Minerva handelt. Die Lanze in der rechten Hand, das Rundschild und der Medusenkopf sind Attribute der Gottheit. Andere Merkmale sind ihre vollständige Kampfausrüstung – bestehend aus Helm, Speer und Schild – und ein Olivenbaum. Außerdem wird Minerva häufig mit dem Haupt der Medusa dargestellt. Meistens befindet sich das Haupt auf ihrem Schild oder dem Brustpanzer oder wie in unserem Fall neben ihr. Laut römischer Mythologie gab Minerva Perseus die endscheidende Hilfestellung, wie er Medusa enthaupten konnte. Als Dank schenkte er ihr das Haupt der Medusa.

Minerva gehörte zusammen mit Jupiter und Juno zu den drei Stadtgottheiten Roms (kapitolinischer Trias). Ihre Herkunft ist nicht voll und ganz geklärt, aber man vermutet, dass ihre Herkunft bei den Etruskern liegt. Sie wurde jedoch früh der griechischen Athene gleichgesetzt. Dementsprechend wurde sie als Göttin der Weisheit angesehen. Sie war aber auch Schutzherrin der Künstler, Handwerker, Dichter und Lehrer und für taktische Kriegsführung zuständig. Die Schutzherrschaft ist auf die Feste zu Ehren der Minerva zurückzuführen. Das Quinquatrus maiores am 19. März, dem Stiftungstag des Minerva Tempels auf dem Aventin, und das Quinquatrus minusculae am 13. Juni waren schulfreie Tage und im weitesten Sinne Feste der Handwerker.

Die Römer in Miltenberg

Das Relief wurde 1878 bei Ausgraben auf dem Gelände des ehemaligen Lagerdorfs (vicus) des Kohortenkastells Miltenberg-Kleinheubach gefunden.

Die Römer waren zwischen ca. 165 und 260 n. Chr. hier am Mainviereck stationiert. Der Neckar-Odenwald-Limes (Teil des Obergermanisch-Raetischen Limes) wurde um 165 n. Chr.  durch den sogenannten Vorderen Limes ersetzt. Dieser stieß an der Stelle des heutigen Miltenbergs auf den Main und wurde bis zum heutigen Großkrotzenburg zum „nassen Limes“.

Der Limes ist mit 550 Kilometern Länge das größte Bodendenkmal Europas und seit 2005 UNESCO-Weltkulturerbe. Die Entstehung des Obergermanisch-Raetischen Limes geht auf das Jahr 9 n. Chr. zurück. Nach verlorener Varusschlacht zogen sich die römischen Truppen in linksrheinische Gebiete zurück. Die dichten Wälder und das unzugängliche Gebiet östlich des Rheins wurden als nicht mehr einnehmbar eingestuft. Jedoch sollten die bereits eroberten Gebiete gesichert werden. Zwar waren die meisten germanischen Stämme den römischen Legionen zahlenmäßig unterlegen, allerdings machten sie sich das unwegsame Gelände zu Nutze und entwickelten eine Art Guerilla-Taktik: Sie überfielen römische Gruppen aus dem Hinterhalt und verschwanden schnell wieder in den dichten Wäldern.                                                                                     

Der römische Kaiser Domitian ließ in seinem Feldzug gegen den Stamm der Chatten (germanisches Volk) 83 bis 85 n. Chr. Schneisen in den dichten Wald schlagen. Es wurden Barrikaden errichtet und Patrouillenwege angelegt. Den Germanen wurde somit das Eindringen erschwert und der Anfang der Grenzsicherung war gemacht. In den nächsten Jahren wurde diese immer weiter ausgebaut, denn es sollte eine klare Grenzsicherung zwischen dem zivilisierten römischen Reich und den Gebieten außerhalb des römischen Einflusses. Anfangs bestand die Grenze lediglich aus geflochtenen Zäunen und in höchstens 2 Kilometern Abständen Wachtürme aus Holz. Im Laufe der Zeit wurde statt des Zauns eine durchgehende Holzpalisade errichtet und die mittlerweile baufälligen Holztürme durch Steintürme ersetzt.

 In unmittelbarer Nähe des Limes wurden römische Kastelle errichtet wie auch das Kohortenkastell, in dessen Nähe unser Objekt des Monats gefunden wurde. Ein weiteres römisches Kastell befand sich auf der heutigen Grenze zwischen Miltenberg und Bürgstadt: das sogenannte Kastell Miltenberg-Ost.


Mai 2021

Tänzerin aus Porzellan, 1918-1938

Museum Stadt Miltenberg, Vom Alltag, Raum 35

Unser Objekt des Monats Mai 2021 ist diese Tänzerin aus Porzellan. Hergestellt wurde sie zwischen 1918 und 1938 in Dux. Dux (heute Duchcov, Tschechien) ist seit 2004 eine Partnerstadt Miltenbergs und im Museum Stadt Miltenberg widmen sich zwei Räume der Geschichte der Stadt. Die große Sammlung an Duxer Porzellan geht auf den Heimatkreisverein Dux zurück, der die Sammlung und somit auch unser Objekt des Monats als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt. Der Heimatkreisverein Dux gründete sich aus den jährlichen Heimattreffen der Geflüchteten der ehemaligen Kreise Dux, Bilin und Teplitz.

1864 gründete Eduard Eichler in Dux eine kleine Tonwarenfabrik. Nach kurzer Zeit nahm er auch Fayencen und Porzellan in die Produktion mit auf. 1897 wurde aus der kleinen Fabrik eine Aktiengesellschaft, die von 1910 bis 1918 in thüringischem Besitz war. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde die Hälfte der Ware exportiert. Bis zur Weltwirtschaftskrise stieg der Export auf 85% und die Firma beschäftigte zeitweise 400 Mitarbeiter*innen. Nach der Krise sank der Export auf 40% und die Hälfte der Belegschaft verlor ihre Arbeit. Nach der Vertreibung der Sudetendeutschen 1945 erlosch die Duxer Porzellan-Manufaktur dann endgültig. Heute hat ein tschechisches Unternehmen unter Verwendung des alten Namens und der alten Gussformen die Produktion wieder aufgenommen.

Tänzerin aus Porzellan

Wie passen der Mai und eine Tänzerin zusammen? 

In der Nacht auf den 1. Mai oder am 1. Mai finden in vielen Regionen Maifeierlichkeiten statt. In Bayern ist es zum Beispiel üblich, am Vorabend des 1. Mais einen bunt geschmückten Maibaum aufzustellen. In manchen Regionen kann es sogar durchaus vorkommen, dass der Maibaum einer Gemeinde von einer anderen gestohlen und erst gegen eine gehörige Menge Bier wieder zurückgegeben wird. Vielerorts ist auch eine „Tanz in den Mai“-Party üblich. Ursprünglich jedoch gehen diese Feierlichkeiten auf die Walpurgisnacht zurück. Ihren Namen bekam sie durch die heilige Walburga, die am 1. Mai heilig gesprochen wurde. Inhaltlich hatte die Walpurgisnacht trotzdem nichts mit der heiligen Walburga zu tun. Laut Legenden ist die Walpurgisnacht die Nacht, in der Hexen auf erhöhten Orten zusammen mit dem Teufel ein großes Fest abgehalten und teilweise magische (und antichristliche) Rituale durchgeführt hätten. Vor allem Johann Wolfgang Goethes Schilderungen der Walpurgisnacht in „Faust“ und der Ballade „Die erste Walpurgisnacht“ machten die Walpurgisnacht als solche populär.

Heute wie damals ist die Nacht auf den 1. Mai aber eher eine Gelegenheit zum Tanzen und fröhlichen Beisammensein, häufig auch in der Verbindung mit dem „Tag der Arbeit“ am 1. Mai.


April 2021

Omer-Kalender, 1. Hälfte 19. Jh.

Museum Stadt Miltenberg, Glaubens Sache, Raum 13

Omer Kalender, 1. Hälfte des 19. JahrhundertsFoto: Konrad Rainer

Anlässlich des deutsch-jüdischen Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ möchten wir mit unserem Objekt des Monats April, einem Omer-Kalender, einige jüdische Traditionen näherbringen. Ein Omer-Kalender dieser Art ist äußerst selten und daher wertvoll.

Der Kalender wurde aus Eichenholz und Papier gefertigt und stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Papierrolle wird auf zwei Walzen transportiert und kann mit Hilfe der Handhaben an der rechten Seite auf den richtigen Tag weitergedreht werden. Der hebräische Text nennt jeweils den Tag, die Woche und den Tag im Omer. Als Omer wird die Zeit zwischen Pessach (2021: 28. März bis 4. April) und Schawuot (2021: 17. Mai) bezeichnet.

Pessach wird zum Gedenken an den Auszug aus Ägypten, der Befreiung des Volkes Israels durch Gottes Hilfe gefeiert. Das Pessachfest wird häufig gründlich vorbereitet: In den 14 Tagen vor dem Sederabend steht ein gründlicher Hausputz an, bei dem auch Brot, Mehl, Nudeln und alle anderen Nahrungsmittel aus Getreide aus der Wohnung verbannt werden, denn an Pessach darf kein durchgesäuertes Getreide im Haus sein. Diese Tradition soll an die ungesäuerten Brote, sog. Mazzen, erinnern, die die Israeliten auf ihrer Flucht aus Ägypten mitnahmen.

Das eigentliche Fest beginnt mit dem Sederabend. Die Familie liest gemeinsam die Haggada, die Erzählung des Auszuges aus Ägypten, und die Kinder sollen viele Fragen stellen, um möglichst viel über die Anfangszeit ihrer Religion zu lernen. Danach wird gesungen und gebetet. Das Essen besteht an diesem Abend aus symbolischen Speisen, die alle in Verbindung stehen mit Ereignissen während der Sklaverei und der Flucht nach Kanaan. Am Vorabend des zweiten Tages von Pessach beginnt das Omer-Zählen mit dem Omer-Kalender.

Nach genau 50 Tagen (7 Wochen + 1 Tag) beginnt Schawuot („Wochenfest“). An Schawuot wird der Empfang der 10 Gebote am Berg Sinai gefeiert; aber auch die Ernte der ersten Früchte und Getreide aus Gottes Schöpfung (Erntedankfest). Viele Juden und Jüdinnen schmücken zu diesem Anlass ihre Häuser und die Synagogen mit Blumen. Das Fest beginnt am Abend bei Dämmerung mit einem Gottesdienst. Danach findet ein gemeinsames Festessen statt und es werden Texte aus der Tora und dem Talmud gelesen. Im Morgengottesdienst wird dann über den Empfang der Tora am Berg Sinai berichtet. Manche Juden und Jüdinnen essen am Schawuot Milchspeisen, Honig und Kuchen als Erinnerung an das Versprechen Gottes, dass in der neuen Heimat der Israeliten Milch und Honig flössen.


März 2021

Karl Weysser: Marktplatz in Miltenberg, Öl auf Leinwand, 1888

Museum Stadt Miltenberg, Galerie, Raum 22

Unser Objekt des Monats März 2021 ist dieses Gemälde vom Marktplatz in Miltenberg von Karl Weysser aus dem Jahr 1888. Die besondere Technik des Malers lässt bei Betrachten der fast schon magischen Idylle langersehnte Frühlingsgefühle nach dem harten Winter wach werden.

Der Künstler

Karl Weysser wurde am 07. September 1833 in Durlach geboren. Nach seinem Schulabschluss 1853 studierte er zunächst an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin Mathematik. Als Kind wohlhabender Eltern war er allerdings nicht auf einen Beruf angewiesen, der ihm den Lebensunterhalt finanziert, weshalb er zwei Jahre später in einem anderen Studium seiner Leidenschaft nachging. An der neueröffneten Großherzoglichen Badischen Kunstschule in Karlsruhe begann er 1855 sein Kunststudium und spezialisierte sich ziemlich schnell auf Architektur- und Landschaftsmalerei. Während seines Kunststudiums hielt er sich abwechselnd in Karlsruhe und München auf. 1865 schloss er sein Studium dann schließlich ab. Ab da hielt es ihn nie langfristig an einem Ort und er reiste viel durch Deutschland. Insgesamt unternahm er über 50 Studienreisen und besuchte dabei über 500 Städte und Dörfer. Gelegentlich hielt er sich auch in Heidelberg auf, von wo aus er unter anderem nach Miltenberg fuhr. 1895 ließ er sich mit seiner Frau dann endgültig in Heidelberg nieder. Am 28. März 1904 verstarb er dort.

Ölgemälde auf Leinwand von Karl Weysser; Marktplatz in Miltenberg, 1888

Weyssers Werke fallen in den malerisch-poetischen Realismus. Der Name der Strömung ist Programm. Dank seiner Ausbildung als Architektur- und Landschaftsmaler konnte er die Gebäude bis ins kleinste Detail genau abbilden, wobei ihm sicher auch sein Mathematikstudium zu Gute kam. Trotzdem wirken seine Bilder immer sehr harmonisch, strahlen eine fast schon magische Idylle aus. Durch gezielten Einsatz von Licht, Schatten und Farbe setzte er die Wirklichkeit feinfühlig in Szene, fast wie bei einem Bühnenspiel. Hier und da ersetze er manchmal unliebsame Gebäude, die nach seiner Auffassung das Bild zerstörten, durch stimmungsvolle Bäume oder Sträucher, wie auch bei unserem Objekt des Monats. Die ästhetische Überarbeitung der Wirklichkeit tut der Qualität seiner Bilder für die Arbeit von Historiker*innen und in der Denkmalpflege jedoch keinen Abbruch und sie wurden schon häufig als wichtige Zeugnisse hergenommen. Karl Weysser ist somit ein bedeutender Architekturmaler der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einem ganz besonderen Stil.


Februar 2021

Augenspülglas aus der Miltenberger Stadtapotheke

Museum Stadt Miltenberg, Vom Alltag, Raum 23

Augenspülglas

Medizinische Versorgung ist in Zeiten der Pandemie und auch sonst unverzichtbar. Neben den Krankenhäusern und Arztpraxen sind die Apotheken ein wichtiger Teil der medizinischen Versorgung und kaum wegzudenken. Unser Objekt des Monats Februar 2021 war zu seiner Zeit fester Bestandteil der Apotheken, aber dazu später mehr.

Die ersten öffentlichen Apotheken gab es vereinzelt erst ab dem 15. Jahrhundert. Davor wurde die Arbeit der Apotheken von Klosterapotheken durchgeführt, die das medizinische Wissen der Antike und der arabischen Völker bewahrt hatten. Die medizinische Betreuung im Sinne der Apotheken wurde bis ins 16. Jahrhundert hinein von Krämern, landfahrenden Händlern und heilkundlich tätigen Kräuterfrauen übernommen.

Die Arbeit der ersten Apotheker wurde am Anfang noch als Handwerk angesehen, was bedeutet, dass die Arzneien nach praktischen Kenntnissen und Erfahrungen hergestellt wurden. Im 16. Jahrhundert wurde das Handwerk dann offiziell aufgelöst und in den Städten Apotheken gegründet. Die Miltenberger Apotheke wurde erstmals 1514 erwähnt und war nach Mainz die zweite städtische Apotheke im Kurfürstentum Mainz. Das zeigt natürlich die Bedeutung Miltenbergs in dieser Zeit.

 

Mit den Apothekengründungen erließen die Städte auch erstmals Vorschriften für die Arbeit der Apotheker. Die Qualität der Arzneien sollte durch gesetzlich vorgeschriebene Herstellungsverfahren, Mindestvorratshaltung, amtlich festgelegte Preise und Verwendung bestimmter Arzneibücher gesichert werden.

Unser Objekt des Monats Februar 2021 stammt aus der Miltenberger Apotheke und ist ein sogenanntes Augenspülglas oder auch Augendusche oder Augenbadewanne. Es wurde hauptsächlich im 19. und 20. Jahrhundert verwendet. Die ovale Öffnung wurde ans Auge gedrückt und dann konnten Medikamente in flüssiger Form angewendet oder das Auge gereinigt werden. Dass die Augenspülgläser heute keine Anwendung mehr finden, hat wohl nicht nur etwas mit der hohen Keimbelastung zu tun. Die Vorstellung alleine verursacht bei den meisten Menschen vermutlich ein unangenehmes Gefühl. Das Augenspülglas ist aber lange nicht die einzige skurrile Erfindung der Medizin der letzten Jahrhunderte. Mehr dazu gibt es im Museum Stadt Miltenberg in der Dauerausstellung zu sehen.


Januar 2021

Miltenberger Marktplatz im Winter, Aquarell von Jakob Fischer-Rhein

Museum Stadt Miltenberg, Galerie, Raum 43

Miltenberger Marktplatz im Winter

Unser Objekt des Monats Januar ist ein winterliches Gemälde vom Miltenberger Marktplatz von Jakob Fischer-Rhein aus dem kalten Winter 1947. Er malte das Bild von seinem Atelier aus, von welchem er diesen fantastischen Blick auf den Marktplatz hatte. Das Kunstwerk zeigt seinen persönlichen und besonderen Stil und ist, wie wir finden, eines seiner schönsten Bilder.

 Werdegang von Jakob Fischer-Rhein

Jakob Fischer-Rhein wurde am 28. Januar 1888 in Düsseldorf geboren und wuchs dort auf. Er schon als Kind an Kunst interessiert, allerdings hielt sein Vater – als erfolgreicher Handwerker und Konstrukteur von Eisenbahnen – sehr wenig von den Interessen und Wünschen seines Sohnes. Der junge Jakob ließ sich davon allerdings nicht aufhalten und schickte heimlich Arbeitsproben an die Akademie in seiner Heimatstadt Düsseldorf. Ein Professor erkannte sein Talent und überzeugte den Vater, seinem Sohn die künstlerische Ausbildung zu erlauben. 1905, mit 17 Jahren, wurde Fischer-Rhein dann endlich in die Akademie aufgenommen.

Mithilfe von Stipendien kam er nach London, München und als Schnellzeichner in Varietés nach Amerika. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges heiratete er Johanna Burchartz. Er ging als Soldat an die Front und wurde innerhalb der ersten Tage verwundet. Nach einem Offizierslehrgang kehrte er an die Front zurück. 1915 kam er in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst fünf Jahre später entlassen wurde. Nach seiner Entlassung hielt es ihn nicht lange in Düsseldorf und er zog mit seiner Frau und seinem Sohn 1928 nach Amerika. Aufgrund des Börsencrash und der folgenden Wirtschaftskrise konnte er den anfänglichen Wohlstand nicht halten und die Familie verarmte. Sie kehrten zurück ins Deutsche Reich.

In dieser Not nahm Fischer-Rhein das Angebot Werner Peiners, eines von den Nationalsozialisten geförderten Künstlers, an und wurde sein Assistent. Jakob Fischer-Rhein hatte damit zwar ein gesichertes Einkommen und war später vom Kriegsdienst befreit, aber künstlerisch konnte er der Auftragsarbeit nichts abgewinnen. Auch durfte er seinen Aquarellstil nicht mehr ausleben, da dieser für die Nationalsozialisten die „französische Leichtigkeit“ verkörperte und unerwünscht war. Ausgleich fand er im Großstadtleben in Berlin und in seiner Nebentätigkeit als Pressezeichner. Er reiste auch während des Krieges häufig in die Alpen und entdeckte die Natur für sich.

 

Wahlheimat Miltenberg

Jakob Fischer-Rhein: Selbstporträt in französischer Gefangenschaft auf der Ile de Ré, 1915

Nachdem er seine Wohnung und sein Atelier in Berlin Ende 1943 nach einem Urlaub in den Alpen zerbombt vorfand, suchte die Familie Fischer-Rhein eine neue Heimat. In einem Kulturfilm über Franken hatten die Bilder von Miltenberg sie verzaubert und sie packten kurzer Hand ihre Sachen und zogen nach Miltenberg. Der Start in Miltenberg war schwierig, da in den Kriegsjahren das Interesse an der Malerei immer kleiner wurde. Auch nach dem Krieg verbesserte sich die Lage nicht. Jedoch gab es in Miltenberg Einige, die sich für seine Kunst interessierten und sich ihm und seiner Frau freundschaftlich zuwandten. Miltenbergs „romantische“, verwinkelte und vom Krieg weitestgehend unversehrte Altstadt und die damals noch völlig intakte Landschaft boten Fischer-Rhein eine Fülle von Motiven. Er beschloss, zu bleiben. Von 1946 bis 1950 unternahm er viele Fahrten, um seine Wahlheimat gründlich kennenzulernen.

In den nächsten 20 Jahre machte er viele große Reisen, denn Reisen waren der Motor seines künstlerischen Schaffens. Miltenberg entwickelte sich in dieser Zeit zu einem Fixpunkt und er kehrte immer wieder zurück. Er hatte endlich eine Heimat gefunden.

Es kam ihm nie in den Sinn, das Grauen der beiden Weltkriege festzuhalten. Er wollte immer die unversehrte und schöne Welt malen. Als in den 1960er und 70er Jahren der Wohlstand stieg, stieg auch die Nachfrage nach seinen Bildern. Aufgrund seines hohen Alters und fortgeschrittener Krankheiten konnte er seiner Arbeit aber kaum noch nachgehen. Er starb am 28. Oktober 1976, als Künstler fast unbeachtet, in Miltenberg mit 88 Jahren.


Dezember 2020

Modell-Eisenbahn (Schwebebahn)

Museum Stadt Miltenberg, Vom Alltag, Raum 30

Modelleisenbahn

Passend zu Weihnachten (Geschenke!) haben wir als Objekt des Monats Dezember eine Modelleisenbahn aus unserer Spielzeugsammlung rausgesucht. Es handelt sich um ein Modell der Wuppertaler Schwebebahn aus den 60er Jahren. Das Modell besteht aus einem ellipsenförmigen Fahrweg auf Stützen aus grün-grau lackiertem Blech und zwei Triebwagen mit einem Hänger. Die Fahrzeuge sind beige, rot und schwarz lackiert. Angetrieben wird dieses Modell von einem Transformator, also elektrisch. Im Laufe der Zeit gab es viele verschiedene Antriebsformen für Modelleisenbahnen und nicht alle waren ungefährlich.

 

Ein  kurzer Blick in die Geschichte der Spielzeugeisenbahnen

Einfache Spielzeug-Eisenbahnen gab es schon, nachdem am 07.12.1835 die erste Lokomotive von Nürnberg nach Fürth fuhr. Am Anfang waren die Modelle nicht zum Spielen gedacht, sondern waren perfekt funktionierende miniaturisierte Dampflokomotiven. Sie wurden als Vorführmodelle in Schulen oder vor Kunden verwendet. Die ersten Spielbahnen waren aus Zinnblech hergestellte kleine Tischläufer oder größere Bodenläufer, die an einer Schnur gezogen wurden. Später stattete man Bodenläufer mit einem eigenen Antrieb wie Schwungrad, Uhrwerk oder Dampfmaschine aus, Schienen gab es dafür aber noch nicht. Die mit Dampf betriebenen Lokomotiven waren aufgrund der offenen Spiritusflamme aber sehr gefährlich und eigneten sich daher nicht als Spielzeug. Seit etwa 1850 wurden Federwerkantriebe für Uhren als Bewegungsmotoren für Spielzeuge eingesetzt und nach und nach kamen auch Schienen und Zubehör dazu. Diese Lokomotiven waren natürlich wesentlich ungefährlicher. Vor allem die frühen Modelle aber waren oft nicht leistungsfähig genug und konnten beispielsweise nicht ohne Schiebehilfe der Kinder eine Brückenauffahrt passieren. Das war auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung. Die nächste und letzte Antriebskraft für Lokomotiven wurde 1882 vorgestellt: die elektrisch betriebene Lokomotive. Ganz ungefährlich waren die elektrisch Betriebenen aber auch nicht, denn sie wurden entweder mit Nass-Akkumulatoren (Schwachstrom 4-6 Volt) oder direkt aus der Lichtleitung (Starkstrom 110-250 Volt) betrieben. Erst 1927 wurden Transformatoren mit 20 Volt eingeführt und so das Spielen sicherer.


November 2020

Neorenaissance-Kachelofen

Museum Stadt Miltenberg, HausGeschichte(n), Raum 4

Neorenaissance-Kachelofen

Das Wetter ist bei uns im November ja bekanntlich grau, kalt und nass. Was könnte sich dann als Objekt des Monats besser anbieten als unser Neorenaissance-Kachelofen, denn wer würde es sich bei diesem Wetter nicht gerne vor einem warmen Ofen gemütlich machen?

Im sogenannten Kapitelsaal der Alten Amtskellerei (heute Museum Stadt Miltenberg) steht dieser Neorenaissance-Kachelofen. Ursprünglich stand er in der Villa des Großindustriellen Heinrich von Liebig in Frankfurt. Die Villa und ihre Einrichtung wurden im Stil des Historismus errichtet und 1896 fertiggestellt. Später stiftete Liebig das Haus der Stadt Frankfurt, die darin 1909 die städtische Galerie für alte Plastik eröffnete (das heutige Liebighaus) und in diesem Zuge Teile der Einrichtung verkaufte. Die Stadt Miltenberg erwarb 1918 dann genau diesen Kachelofen für das Pfarrhaus (die Alte Amtskellerei), das heute das Museum Stadt Miltenberg beherbergt. Der dort wohnende Pfarrer beklagte sich über das feuchte und ungesunde Klima in dem Haus und forderte den Einbau einer Heizung. Ein Aufbaufehler führte allerdings dazu, dass der Ofen funktionsunfähig war und Anfang der 1930er Jahre abgebaut wurde. Später wurde er wieder vollständig aufgebaut und restauriert und ist jetzt Teil unserer Dauerausstellung  - und muss zum Glück nicht betrieben werden!

Das besondere Aussehen verdankt der Kachelofen der Zeit, in der er entstanden ist. Der Historismus des späten 19. Jahrhunderts war davon geprägt, dass Architekten und Künstler auf die Stile vergangener Epochen zurückgriffen. In der Renaissance (16. bis 17. Jahrhundert) stand das Wiederaufleben der Antike im Vordergrund, weshalb auf den oberen Kacheln unseres Ofens antike mythologische Figuren zu sehen sind. Die Stadt Miltenberg erwarb den Kachelofen unter dem Namen „Majolika-Modellofen nach Original des 16. Jahrhunderts“. Majoliken sind mit zinnhaltiger Glasur farbig bemalte Keramiken.

Kurze Geschichte der Kachelöfen

Um das (ehemals) raue Klima Mitteleuropas ertragen zu können, waren Öfen schon lange Zeit eine bevorzugte Wärmequelle. Frühmittelalterliche Vorläufer des Kachelofens waren einfache Lehm- oder Steinöfen, in die einzelne becherförmige Kacheln eingelassen wurden, um eine Vergrößerung der Oberfläche zu schaffen und damit die Wärmeabstrahlung zu steigern. Kachelöfen mit glasierten und plastischen Kacheln entstanden wohl im 14. Jahrhundert und wurden nach und nach zum Objekt künstlerischer Gestaltung. Aufwendig verzierte Kachelöfen waren allerdings lange Zeit nur in den Häuser des Adels oder wohlhabender Bürger zu finden, die ältesten Exemplare stammen aus dem 15. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde die Technik auch so weiterentwickelt, dass verschiedene Glasuren auf einer Kachel kombiniert werden konnten. Das entwickelte sich in der Renaissance dann so weit, dass auf die immer größer werdenden Kacheln ganze Szenen oder Figuren gemalt werden konnten.

Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Ofen immer mehr als Teil der Einrichtung gesehen und man löste sich allmählich von dem bisher verbindlichen Aufbau der Kachelöfen: ein größerer beheizbarer Feuerkasten gekrönt von einem schmaleren turmartigen Aufbau. Stattdessen ermöglichten es neue Techniken, die Grundform des Kachelofens nahezu frei zu gestalten. Mit Hilfe eines Holzgerüsts, auf dem der Ofenbauer eine Tonschicht modellierte und diese dann vor dem Brennen in einzelne Stücke zerschnitt, konnten die unterschiedlichsten Formen entstehen. Im Barock entwickelte sich deshalb fast schon eine Lust der Täuschung: manche Öfen ahmten sogar Kommoden oder Schränke nach. Während im Klassizismus die Kachelöfen noch sehr herrschaftlich gestaltet waren, entwickelten sie sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eher in die Richtung der Schlichtheit. In einer normalbürgerlichen Wohnung waren jetzt einfache und sparsame Öfen mit nur ein paar bewusst platzierten Ornamenten oder Schmuckbändern als Verzierung die Regel. Im Zuge des Historismus als Einrichtungsstil hatten prachtvolle Neorenaissance und Neobarock Öfen ihren (bis jetzt) letzten Auftritt. Mit dem Aufkommen der Heizung ab etwa 1900 verloren Einzelöfen an Bedeutung. In den letzten Jahren allerdings erfreuen sich Öfen wieder mehr Popularität. Ganz wegzudenken sind sie ja nicht, denn irgendwie kreieren sie eine ganz andere Gemütlichkeit als die Zentralheizung.

Rekonstruktion eines Ofens mit Napfkacheln, 12./13. Jh., ausgestellt im Museum Stadt Miltenberg, Raum 10 (Walehusen).


Oktober 2020

Betrachtungssärglein

Museum Stadt Miltenberg, Glaubens Sache, Raum 17

Betrachtungssärglein

Passend zum Monat Oktober und Halloween zeigen wir als unser erstes Objekt des Monats diesen „gruseligen“ Miniatur-Sarg. Es handelt sich um ein sogenanntes Betrachtungssärglein, in dem ein verwesendes und von Würmern zerfressenes menschliches Skelett liegt. Gefertigt wurde das Skelett aus Wachs und wurde mit Stroh und einem Stück Stoff in einen hölzernen Sarg gebettet. Hergestellt wurde es im 19. Jahrhundert in Südtirol.

Was auf den ersten Blick wie originelle Halloween-Dekoration aussieht, hatte in der Volksfrömmigkeit des 17. bis 19. Jahrhunderts eine tief religiöse Bedeutung. In dieser Zeit galt es, seine Religiosität auch außerhalb der Kirchenbesuche zu zeigen und für seine Mitmenschen sichtbar zu machen. Dem Betrachter sollte es die eigene Vergänglichkeit bewusst machen und ihn daran erinnern, sich im irdischen Leben auf das Leben im Jenseits vorzubereiten. Das Betrachtungssärglein sollte zum einen die christliche Vorstellung der Vergänglichkeit alles Irdischen und zum anderen den Memento-Mori-Gedanken (übersetzt „Gedenke des Todes“) symbolisieren, welches beides unter den breit gefächerten Begriff „Vanitas“ fällt.

Vanitas-Symbole wie unser Objekt des Monats sollen deutlich machen, dass der Mensch keine Gewalt über das Leben hat, und ihn zusätzlich ganz im Sinne des Memento-Mori an seine eigene Sterblichkeit erinnern. Das gottgewollte Vergehen war nach damaliger Auffassung allerdings nichts Negatives, denn nach dem Tod warte auf jeden Christen mit reinem Gewissen ein Leben an der Seite Gottes. Um aber dieses reine Gewissen beim letzten Gericht vor Gott zugesprochen zu bekommen, musste man sich bereits im Leben auf der Erde darauf vorbereiten.

Dazu gehörte natürlich, sich an die Gebote der Bibel zu halten und Sünden zu vermeiden, aber auch gegebenenfalls Buße zu tun, wenn man sich einen Fehltritt erlaubt hatte. Spenden an die Kirche oder an wohltätige Organisationen konnten ebenfalls zu einem reineren Gewissen führen. An all dies sollte unser Objekt des Monats seinen Betrachter täglich erinnern und seine Handlungen positiv beeinflussen.

Die Jenseitsvorstellung der Christen hat sich im Laufe der Zeit natürlich verändert und sieht heute wesentlich anders aus, weshalb Gegenstände wie das Betrachtungssärglein kaum noch jemandem geläufig sind und Besucher eher mit einem fragenden Gesichtsausdruck zurücklassen können. Dennoch ist es erstaunlich, wie viel hinter einem kleinen Skelett mit Sarg steckt, das insgesamt kaum größer als ein Smartphone ist.